
In öffentlicher Erinnerung zu sein und zu bleiben, war für die Römer von großer Bedeutung. Beim Andenken spielte die Grabkultur eine wichtige Rolle, aber auch Ehrungen mit Inschriften, Porträtbüsten und Statuen sorgten für die memoria, das bewahrte Andenken. Doch das Andenken konnte nachträglich geächtet werden. Kaiser oder hochrangige Politiker, die nicht mehr opportun waren, konnte die Damnatio memoriae treffen. Wörtlich heißt der Ausdruck etwa Verdammung des Gedächtnisses.
Im Kern ging es darum, eine als staatsfeindlich, tyrannisch oder unwürdig geltende Person symbolisch aus der öffentlichen Erinnerung zu entfernen. Das konnte durch die Tilgung des Namens aus Inschriften geschehen, durch Zerstörung oder Umarbeitung von Statuen und Porträts und andere Maßnahmen. Die Damnatio memoriae war kein Akt persönlicher Rache. Sie hatte eine politische Funktion: Der neue Herrscher oder der Senat konnte damit zeigen, dass der verurteilte Kaiser nicht zur legitimen Ordnung gehört habe. Dadurch wurde die neue Herrschaft gestärkt und von der vorherigen abgegrenzt. Sie war also ein Mittel der politischen Kommunikation: Wer aus dem öffentlichen Gedächtnis entfernt wurde, galt als Gegenbild zum rechtmäßigen, guten Herrscher.

Sicher kein guter Kaiser war Caligula, Urenkel von Kaiser Augustus. Zeitgenössische Quellen beschreiben Caligula als wahnsinnigen Gewaltherrscher. Im Jahr 37 wurde er als Nachfolger von Tiberius römischer Kaiser, am 24. Januar 41 ermordeten ihn Mitglieder der Prätorianergarde. Der junge Kaiser hatte sich zu viele Feinde gemacht. Er demütigte den Senat, ließ willkürlich Klage erheben, wenn er Geld brauchte und an den Besitz reicher Familien kommen wollte. Gründe fand Caligula immer, und die Prozesse endeten stets mit dem Tod des Angeklagten.
Bereits Tiberius reichte nicht an die gute Herrschaft des Begründers des Kaisertums, Augustus, heran, und viele Senatoren wollten daher nicht nur Caligula loswerden, sie stellten die kaiserliche Herrschaft insgesamt infrage und strebten eine Rückkehr zur republikanischen Ordnung an. Dazu kam es aber nicht, weil die Prätorianer rasch Claudius, Caligulas Onkel, zum neuen Kaiser erhoben. Der hatte damit gleich sein erstes politisches Problem: Einerseits musste er sich von Caligulas Gewaltherrschaft distanzieren. Andererseits durfte er die julisch-claudische Dynastie nicht grundsätzlich beschädigen. Schließlich beruhte seine eigene Legitimität ebenfalls auf dieser Familie. Man fand einen praktischen Mittelweg: die Damnatio memoriae wurde nicht vollständig und konsequent umgesetzt.
Nur wenige Schritte entfernt von der Büste Caligulas in der Ny Carlsberg Glyptothek steht die Büste seiner Schwester, der jüngeren Agrippina. Die heiratete später Kaiser Claudius und machte den Weg für ihren Sohn Lucius Domitius Ahenobarbus auf den Kaiserthron frei. Heute besser bekannt als Kaiser Nero.
Die Ny Carlsberg Glyptothek hat noch ein weiteres bekanntes und bedeutendes Porträt in ihrer Sammlung. Im gleichen Saal wird ein Marmorkopf des Pompeius Magnus präsentiert, des großen Feldherrn und Staatsmannes der späten Republik.

Nach der Niederlage des Pompeius im Römischen Bürgerkrieg gegen Julius Caesar und seinem Tod in Ägypten gab es in Rom offenbar Bestrebungen, Pompeius als besiegten Staatsfeind zu behandeln und ihn aus der öffentlichen Erinnerung zu entfernen. Dazu passte, dass Statuen des Pompeius niedergerissen wurden. Caesar ließ sie aber wieder aufstellen, wie der Schriftsteller Sueton berichtet.
Das war sicher nicht nur reiner Edelmut, sondern war Kalkül und Strategie. Pompeius war nicht irgendein Rebell, sondern einer der bedeutendsten Männer der späten Republik: dreifacher Triumphator, ehemaliger Verbündeter Caesars und zentraler Vertreter der senatorischen Ordnung. Eine völlige Auslöschung der Erinnerung hätte viele Angehörige der Oberschicht getroffen oder provoziert. Außerdem passte diese Maßnahme nicht zu Caesars Selbstdarstellung als Sieger mit clementia, also demonstrativer Milde gegenüber besiegten Gegnern.

Und so können sich in unserer Zeit die Besucher der Ny Carlsberg Glyptothek an diesen beiden bedeutenden Werken der Antike und weiteren Objekten erfreuen.
Die Damnatio memoriae hat mit dem Ende des Römischen Reiches nicht aufgehört zu existieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hakenkreuze aus Fassaden geschlagen, die „Adolf-Hitler-Straße“ wurde in fast jeder Stadt umbenannt und Porträts von NS-Größen wurden vernichtet. Mit der Abwicklung der DDR passierte Ähnliches. Heute kann man in einer Ausstellung in der Zitadelle Spandau jene Denkmäler sehen, die aus dem Stadtbild verschwinden mussten.
Epilog
Der Titel Verdammt in alle Ewigkeit stammt natürlich von dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Schriftstellers James Jones. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und die Verfilmung 1953 mit Burt Lancaster, Montgomery Clift und Frank Sinatra war noch erfolgreicher. Ich habe die Taschenbuchausgabe von 1981 und mir einen Absatz notiert, der mich während des Studiums beschäftigte. Damals ging es um Entscheidungen unter Unsicherheit.
„Merkwürdig, dachte er, wie man immer gezwungen wird, solche Sachen zu entscheiden. Man entschied eine Sache mit größter Anstrengung richtig und dachte, man könnte sich nun eine Zeitlang treiben lassen. Am nächsten Tag aber hatte man etwas Neues zu entscheiden. Und solange man sich richtig entschied, mußte man fortfahren, sich zu entscheiden. Jeder Tag, tausend Jahre lang, dachte er. Und auf der anderen Seite waren Red und die jungen Leute da drüben, die aller weiteren Entscheidungen enthoben waren, weil sie einmal falsch entschieden hatten.“ James Jones: Verdammt in alle Ewigkeit. Ausgabe von 1981 , S. 13.
Danke fürs Lesen. Möge Fortuna stets mit Dir sein.
2 Kommentare zu „Damnatio memoriae: Verdammt in alle Ewigkeit“
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Salve Stephan,
die DDR erst SBZ hat sofort 1945 z.B.in Potsdam alle Straßen nach den Stalin etc umbenannt z.B. die Kaiserin Wilhelm straße in Rosa Luxemburg Straße https://www.potsdam-wiki.de/Rosa-Luxemburg-Stra%C3%9Fe an der die Villa meines Großvaters steht.
https://acrobat.adobe.com/link/review?uri=urn%3Aaaid%3Ascds%3AUS%3Acd1a86df-963b-47d4-ab93-4eb1ac14b113&viewer%21megaVerb=group-discover und https://www.potsdam-wiki.de/Rosa-Luxemburg-Stra%C3%9Fe
https://ns.gis-bldam-brandenburg.de/hida4web/view?docId=obj09156660.xml und-
Vielen Dank für diesen interessanten Hinweis auf ihre Familiengeschichte um das Landhaus Hupfer in Potsdam und die damit verbundenen Datenbanken! Herzliche Grüße, Stefan
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