Das Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen verfügt über die größte Sammlung palmyrenischer Grabporträts außerhalb Syriens. Zugleich ist sie eine der frühesten westlichen Palmyra-Sammlungen. Ihr Kern wurde bereits in den 1880er Jahren aufgebaut. Die Sammlung umfasst heute mehr als 120 Grabskulpturen und außerdem Altäre, Inschriften, Stuckfragmente und sogenannte Bankett-Tesserae, kleine Marken aus Ton, die vermutlich als Einlassmarken für religiöse Bankette verwendet wurden. Seit Anfang Februar sind die palmyrenischen Grabporträts wieder zu sehen.

Die Grabporträts verschlossen in der Antike die Grabnischen in den großen Familiengräbern, den Häusern der Ewigkeit. Zugleich machten sie die Verstorbenen im Grab dauerhaft anwesend, fast wie in einem steinernen Ahnensaal. Die Inschriften nannten Namen und Abstammung. Kleidung, Schmuck, Frisuren und verschiedene Attribute zeigten außerdem, wie jemand über den Tod hinaus in Erinnerung bleiben wollte. Das macht die Palmyra Ausstellung in Kopenhagen so sehenswert.

Grabporträt sogenannte Schönheit von Palmyra mit colorierter Darstellung.

Das wohl berühmteste Grabporträt ist die Schönheit von Palmyra. Das rechteckige Grabrelief aus weißem Kalkstein zeigt in frontaler und idealisierter Darstellung eine unbekannte Frau. Das Porträt ist von außergewöhnlicher Qualität. Die Frau trägt einen aufwendig geschichteten Turban mit Diadem und Schleier, dazu reich ornamentierte Kleidung, mehrere Armringe und vor allem einen fast überwältigenden Schmuckbesatz aus sieben Halsketten sowie Ringe an den Händen. Ihr Gesicht wirkt ruhig und streng zugleich, mit großen mandelförmigen, tief eingesetzten Augen, kräftigen Lidern, vollen Wangen und kleinen, geschlossenen Lippen.

Das Grabporträt wird auf die Zeit zwischen 190 und 210 datiert. Zu dieser Zeit herrschte in Rom Kaiser Septimius Severus, in Palmyra lenkte eine wohlhabende städtische Elite die Geschicke der Oasenstadt. Kurze Zeit später wurde Palmyra zur römischen Kolonie (colonia) erhoben.

Berühmt wurde die Schönheit aber vor allem, weil an ihr noch ungewöhnlich viele Farbspuren erhalten sind. Sichtbar und naturwissenschaftlich nachgewiesen wurden unter anderem Rot an Lippen und Wangen, Schwarz im Haar, Gelb und Rot am Kopfschmuck sowie feinste Reste von Goldblatt auf Teilen des Schmucks. Dazu kommen Vertiefungen in Augen und Schmuck, die wohl für Einlagen aus Glas oder Stein gedacht waren.

Obwohl nicht jedes erhaltene Porträt heute noch sichtbare Farbreste zeigt und manches Grabrelief wohl selektiv bemalt war, kann man doch davon ausgehen, dass alle Darstellungen bunt waren. Eine technische Studie an sechs Porträts aus der Glyptotek zeigte, dass diese Stücke trotz ihres heutigen weißen Eindrucks ursprünglich in einer einer Fülle von Farben erschienen. Die Farben der palmyrenischen Porträts entstanden aus Erde, Pflanzen, Stein, Metall und Ruß. Sie wurden in einem technisch anspruchsvollen Zusammenspiel von Mineralen, Farbstoffen und Bindemitteln hergestellt und aufgetragen.

Verschiedene Farbstoffe in einer Vitrine vor dem Grabportrait der Schönheit von Palmyra.

Die Grabporträts zeigen keine naturalistische Einzelporträts. Die Gesichter wirken oft idealisiert und typisiert, also wie nach festen Mustern gestaltet. Die Individualisierung liegt oft eher in Frisur, Schmuck, Kleidung, Gesten, Attributen und Inschrift als in einem ganz unverwechselbaren Gesicht. Halsketten, Ohrringe, Armreifen und Ringe markieren in Palmyra vor allem Status, Eleganz und Zugehörigkeit zur wohlhabenden Oberschicht. Bei Frauen nimmt der Schmuck im Lauf des zweiten und frühen dritten Jahrhunderts deutlich zu. Auch hier werden keine individuellen Schmuckstücke abgebildet, sondern ein symbolisches Bild von Rang, Ansehen und familiärem Prestige. Auch die Frisuren sind in Palmyra Codierungen, die sich mit der Zeit ändern.  

Marâ (weibliches Grabportrait aus der Zeit zwischen 210 und 230) und Atenatan (männliche Darstellung aus dem Jahr 133 oder 134).

Die Palmyra-Porträts zeigen die Verstorbenen oft mit bewusst gewählten Gegenständen in der Hand oder der Kleidung sowie teilweise mit Objekten im Hintergrund. Diese Gegenstände sollten dem Betrachter etwas über die soziale Stellung des Verstorbenen sagen. Schreibgeräte oder Buchrollen verweisen auf Bildung und wohl auch auf berufliche Funktionen in Handel oder Verwaltung. Bei Frauen deuten Spindel und Rocken sowohl auf die Herstellung von Textilien hin, als auch auf Tugend, Fleiß und ordentliche Haushaltsführung. Schlüssel stehen für Verantwortung und lassen eine Deutung als Herrin des Hauses zu. Vielleicht ist es auch der Schlüssel einer Schmuckkassette und steht für Besitz und Wohlstand. Vögel und Trauben verweisen als visuelle Altersmarker häufig auf Kindheit und Jugend und helfen, diese Lebensphase überhaupt erst an den Porträts sichtbar zu machen. Hohe zylindrische Hüte kennzeichnen Priester; sie gehören zu den klarsten Rangabzeichen in der palmyrenischen Bildsprache.

Eine bekannte und seltene Darstellung ist das Grabportrait Mann mit Kamel in der Palmyra Ausstellung in Kopenhagen. Das im Vollprofil dargestellte Vorderteil eines Kamels mit Sattel und Geschirr verweist auf Mobilität, Wüsten- und Oasenwelt sowie die weiten Fernhandelsverbindungen Palmyras — nicht zwingend auf einen konkreten Beruf wie Karawanenhändler. Der Mann trägt eine auffällige Heiligenschein-Frisur, die in früheren Porträts noch Götterdarstellungen vorbehalten war, sein Bart orientiert sich stark an der römischen Mode der hadrianischen Zeit.

In der mittleren Bildreihe sieht man das Grabportrait einer Frau zwischen zwei Löwenkopf-Türklopfern. Ein Motiv, das vermutlich eine Grabtür symbolisiert, als Eingang in die Welt der Toten. Eine neuere Interpretation deutet an, dass dieses Motiv auch auf die Frau als Hüterin des „Hauses der Ewigkeit“ anspielt, da Frauen in Palmyra öfter mit Schlüsseln erscheinen und Löwenkopf-Türklopfer fast immer zusammen mit Frauen vorkommt.

Viele Palmyra-Porträts tragen eine Inschrift, aber keineswegs alle. Die normale Sprache ist Palmyrenisch-Aramäisch in palmyrenischer Schrift. Griechische, lateinische und zweisprachige Inschriften gibt es auch, sie sind bei den Grabporträts aber klar die Ausnahme. Meist ist es knapp und formelhaft: Name, Vatersname, oft weitere Abstammung, manchmal auch Todestag oder Jahr. Die Inschriften dienen also vor allem dazu, die Person eindeutig in ihre Familie einzuordnen. Die häufigste Grundformel ist sehr schlicht: X, Sohn des Y oder X, Tochter des Y, oft noch mit Großvater oder weiterer Linie. Dazu kommt sehr häufig eine Klageformel hinzu wie Ach! bzw. Weh!

Inschrift des Besitzers des Grabes des Malkû. Palmyra im Jahr 214.

Neben den knappen personenbezogenen Inschriften hat man auch Steintafeln mit umfangreicheren Texten gefunden. Darunter eine vertragliche Vereinbarung aus dem Grab des Malkû, die in der Palmyra Ausstellung in Kopenhagen präsentiert wird. Häufig waren in den Grabanlagen Gründungs- und Abtretungsinschriften angebracht. Das sind Texte, die festhalten, wer ein Grab gebaut hat oder wer welche Nischen oder Grabteile gekauft bzw. übertragen bekam. In dem unterirdischen, in den weichen Fels geschnittenen Familiengrab des Malkû war die palmyrenisch-aramäische Inschrift im Durchgang neben den beiden benachbarten Grabparzellen angebracht. Der Text lautet:

Im Monat Elul, im Jahr 525 [= September 214 n. Chr.],
Ich, Julius Aurelius Yedibel, genannt Mezabbana, Sohn des Julius Aurelius Ananias, habe für Julius Aurelius Ogeilu, Sohn des Aphrahat, Freigelassenen des Zabdibol, geschrieben, weil er nicht schreiben kann.
Er erklärt gegenüber Julius Aurelius Agrippa, Sohn des Agathopous, Freigelassenen des Heliodoros Yarhibola,
dass er ihn an dem Raum beteiligt hat, der hinter den drei Grabnischen des Agrippa liegt,
und zwar so, dass die eine Hälfte dessen Anteil sein soll, entsprechend dem Bereich neben seinen drei Nischen, den er so abgesichert haben wird.
Er darf diesen Raum in keiner Weise verbreitern.
Und wenn er auf seiner eigenen Seite zusätzliche Grabstellen anlegen will, dann nur so, dass dort Steine oder eine Schicht aus Putz oder Lehm eingebracht werden, durch die die Wand verstärkt bzw. erweitert werden kann.
Julius Aurelius Nesh, Sohn des Barcateh, ist Zeuge.
Julius Aurelius Yarhibola, Sohn des Malkû, ist Zeuge.

In Palmyra wurden Grabplätze, Nischen und Nebenräume offenbar verkauft, abgetreten oder geteilt. Agrippa hatte in diesem Grab bereits drei Nischen erworben, Ogeilu besaß ebenfalls Grabraum dort. Weil ihre Bereiche unmittelbar aneinandergrenzten, musste offenbar genau festgelegt werden, wer welchen Teil nutzen darf. Die vielen Namen mit Julius Aurelius müssen keine familiäre Verwandtschaft ausdrücken. Als Kaiser Caracalla, dessen offizieller Name Marcus Aurelius Severus Antoninus lautete, im Jahr 212 allen freien Bewohnern des Römischen Reiches das Bürgerrecht verlieh, wurde Aurelius sehr schnell und sehr häufig als Namensbestandteil übernommen. Sehr viel länger hielten sich dagegen einheimische Traditionen. Dass die Romanisierung ein langer Prozess war, zeigt sich auch in den Begräbnistraditionen in anderen Provinzen.

Wer aber hat die Palmyra-PortrÄts hergestellt?

Wer die Palmyra-Porträts vor fast 2000 Jahren hergestellt hat, darüber gibt es leider nur wenige Erkenntnisse. Immerhin lassen die Spuren von Werkzeugen am Kalkstein einige Schlüsse zu. Für das erste Jahrhundert sprechen kleine wiederkehrende Formgewohnheiten dafür, dass mehrere Werkstätten oder mehrere Bildhauer gleichzeitig tätig waren. Deren unterschiedliche Handschrift findet sich besonders an Ohren, Augen oder Mundpartien. Von mindestens zwei Werkstätten oder zwei Künstlern innerhalb derselben Werkstatt kann ausgegangen werden. Außerdem arbeiteten die Steinbildhauer wohl mit denjenigen zusammen, die die Skulpturen farbig fassten.

Die Porträts sind nicht im römischen Sinn naturalistische Einzelporträts. Die Forschung beschreibt sie eher als idealisiert, oft mit generischen Gesichtszügen. Zugleich sind sie auch keine bloßen Serienprodukte. Innerhalb fester lokaler Bildformeln gab es Raum für individuelle Entscheidungen bei Frisur, Schmuck, Kleidung, Gesten, Attributen und natürlich der Inschrift. Solche Reliefs herzustellen war arbeitsintensiv, die Kundschaft aus der wohlhabenden Elite der Stadt sicher anspruchsvoll. Vermutlich haben sie eine qualitätsvolle Arbeit zu schätzen gewusst.

Auch nach so langer Zeit interessieren sich Menschen für die Palmyra-Porträts, denn in ihnen spiegeln sich die zeitlose Frage, was von einem Leben bleibt, und der Wunsch nach Unsterblichkeit wider. Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt, lautet ein Zitat, das oft Bertolt Brecht zugeschrieben wird. Vielleicht stimmt es.

Mehr über die Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen und weitere Sammlungen von Palmyra-Porträts.

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