Die römische Grabkultur war eng mit Religion, Familiengedächtnis, sozialem Rang und öffentlicher Selbstdarstellung verbunden. Gräber dienten nicht nur der Bestattung, sondern auch der dauerhaften Erinnerung an die Toten und ihre Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Daher war die memoria, also das bewahrte Andenken, von großer Bedeutung. Grabinschriften, Bildnisse und regelmäßige Besuche am Grab sollten den Namen und das Ansehen des Toten erhalten. 

Ein zentrales Element der Gräber, die üblicherweise außerhalb der Städte entlang der Straßen lagen, waren Inschriften. Sie nannten meist den Namen des Toten, Alter und familiäre Beziehungen, Ämter oder Berufe und manchmal Lobformeln oder kurze Lebensbilanzen. Typisch sind Formeln wie D. M. für Dis Manibus (den Totengeistern). Solche Inschriften richteten sich oft ausdrücklich an die Vorübergehenden und machten das Grab zu einem Kommunikationsort zwischen Toten und Lebenden. Viele Gräber trugen darüber hinaus Porträts, Reliefs oder Symbole. Diese konnten den Toten idealisiert zeigen oder auf Beruf, Tugenden, Herkunft oder Wohlstand verweisen. Die Grabdenkmäler wurden in der Regel zu Lebzeiten der Besitzer errichtet und waren farbig gefasst. Viele Bilddetails wurden nicht in den Stein gemeißelt, sondern der Hand des Malers überlassen. Das ging schneller, war günstiger und ließ Spielraum für Änderungen.

Kolorierter Abguss des Grabsteins der Polla Matidia. Moers-Asberg, um das Jahr 25. Die Inschrift lautet: Polla Matidia Olympia, Tochter des Spurius (d.h. von einem unbekannten Vater), 30 Jahre alt, ruht hier. L. Julius, Sohn des Lucius, dem Stimmbezirk Falerna zugehörig, ein Veteran der Legio II Augusta, ließ (das Grabmal) errichten und zahlte dafür.

Die Grabkultur spiegelte die römische Gesellschaft deutlich wider. Für ärmere Bevölkerungsschichten waren die Bestattungen schlicht. Senatorische und lokale Eliten errichteten oft monumentale Grabbauten. Aber auch Freigelassene nutzten Gräber und Inschriften gezielt, um ihren sozialen Aufstieg sichtbar zu machen.

Das Grabmal des Gaius Albinius Asper und der Secundia Restituta zeigt ein Ehepaar aus Noviomagus Treverorum im heutigen Rheinland-Pfalz. Zeitlich stammt es aus dem frühen zweiten Jahrhundert. Asper lässt sich mit dem seit Kaiser Hadrian üblichen Vollbart darstellen, seine Frau mit der Frisur, wie sie die ältere Faustina populär gemacht hat. Auch in der Provinz orientierte man sich am Kaiserhaus in Rom. Aus Flavia Solva im heutigen Österreich stammt das Grabmedaillons eines Centurio aus dem zweiten Jahrhundert. Sein Brustpanzer ziert ein Gorgonenhaupt, in der Rechten hält er den Centurionenstab, die linke Hand liegt auf dem Schwertgriff mit Adlerkopf. Über seiner linken Schulter ist der ovale Schild abgebildet. Ein Berufssoldat und Offizier, der auch so erinnert werden will.

Ganz anders der Reitersoldat Marcus Aemilius Durises, Angehöriger der Ala Sulpicia. Er war in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium stationiert, dem heutigen Köln. Durises diente 16 Jahre und starb im Alter von 36 Jahren, wie der Inschrift zu entnehmen ist. Die Erben haben den Grabstein seinem Testament gemäß Ende des ersten Jahrhunderts herstellen lassen. Durises wählte für seinen Grabstein das Bild des Totenmahles. Er wollte sich der Nachwelt als Teilnehmer an einem festlichen Gelage präsentieren, das er sich für das Jenseits erhoffte. Der Pferdeführer und das prächtig aufgezäumte und gesattelte Pferd im unteren Bildfeld erinnern an sein Leben als Kavallerist.

Aus dem gallischen Nemausus, dem heutigen Nimes, stammt der Grabstein von Licinia Flavilla und Sextus Adgennius Macrinus. Die beiden gehörten zur Elite ihrer Stadt. Sie war eine Priesterin des kaiserlichen Kults, er ein hohes Mitglied des Stadtrates und früherer Militärtribun in einer römischen Legion. Sein Name weist auf keltische Wurzeln hin. Kleidung und Frisur deuten auf die späte flavische Zeit hin, also spätes erstes Jahrhundert bis zum zweiten Jahrhundert.

Das Grabporträt eines Ehepaares aus Mogontiacum, dem heutigen Mainz, in der Provinz Obergermanien gehörte zu einem Pfeilergrabmal mit geschupptem Pyramidendach, auf dessen Spitze eine Sphinx hockte. In der rechteckigen Nische steht eine Frau in römischer Kleidung. Ihr Mann sitzt neben ihr. Das Grabmal wird in die tiberische Zeit datiert, also in die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts. Aus Patavium, dem heutigen Padua, in Norditalien stammt die Aediculastele aus dem ersten Drittel des ersten Jahrhunderts. Die Inschrift ist nicht mehr vollständig: Es fehlt der Name des Stifters oder der Stifterin, es werden der Freigelassene M. Arrius Primus und der Sklave Thimoteus genannt. Der Name der Frau wird – zumindest hier – nicht erwähnt. Dagegen aber der Beruf der beiden Männer: Sie waren als Stratores tätig, also Stallmeister.

Außerhalb der Städte, entlang der Straßen, errichteten die Römer ihre Gräber und Grabdenkmäler. Überreste davon finden sich heute noch. Grabhügel wie in Oberlöstern bei Trier zeugen von dem Wunsch, in Erinnerung zu bleiben, ebenso wie das Pfeilerdenkmal der wohlhabenden Tuchhändlerfamilie der Secundinier oder das monumentale Grabmal der Caecilia Metella an der Via Appia in Rom. Das Rheinische Landesmuseum Trier hat seine Sammlung bedeutender römischer Grabdenkmäler in einer Art Gräberstraße arrangiert. Das NarboVia Museum im französischen Narbonne präsentiert zahlreiche Steinblöcke aus Grabanlagen und anderen antiken Monumenten in einem Hochregallager und stellt ihre einstige Lage in Bildprojektionen dar.

Über Grabporträts im Römischen Reich lässt sich nicht schreiben, ohne zwei weitere bekannte Arten zu nennen: die Fayum-Porträts aus dem römischen Ägypten und die römischen Palmyra-Porträts aus dem heutigen Syrien. Die berühmten Reliefs aus den Grabanlagen des ersten bis dritten Jahrhunderts sind meist Brustbilder oder Halbfiguren aus Kalkstein, die die Verschlüsse von Gräbernischen bildeten. Letzte Woche habe ich dazu einen Beitrag geschrieben, da die größte Sammlung der Palmyra-Porträts wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die letzte Gruppe fällt besonders auf. Anders als die bisher vorgestellten Grabporträts sind die Fayum-Porträts auch heute noch farbig, um nicht zu sagen, farbenfroh. Bei den aus dem römischen Ägypten des ersten bis dritten Jahrhunderts stammenden Mumienbildern handelt es sich um auf Holz gemalte Porträts der Oberschicht, die in die Mumienhülle eingefügt wurden. Das Bild ist also nicht Teil eines Grabbaus, sondern unmittelbar mit dem Leichnam selbst verbunden.

Die Gesichter der Verstorbenen wirken oft sehr lebendig. Große Augen, sorgfältige Lichtführung und modische Frisuren erzeugen eine starke Präsenz. Dennoch sind auch diese Bilder nicht rein realistisch; sie verbinden individuelle Züge mit idealisierenden Formeln. Die Portraits gehören zur Tradition der Tafelmalerei, einer der angesehensten Kunstformen der Antike. Die Fayum-Porträts sind das einzige größere Werk dieser Tradition, das erhalten geblieben ist. Viele Museen weltweit, wie in Berlin, Frankfurt oder Wien besitzen einige Fayum-Porträts, die größte Sammlung befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo.

Die Mumienporträts zeigen das Fortbestehen einheimischer Traditionen unter Fremdherrschaft und gleichzeitig das Aufnehmen neuer kultureller Einflüsse. Auch in Zeiten der griechischen und römischen Besatzung in Ägypten waren die alten Bestattungssitten nicht aufgegeben worden. So wurden die Verstorbenen weiterhin einbalsamiert und in Form von Mumien beigesetzt. Als neues Element fügte man zuweilen das auf eine Holzplatte gemalte Porträt des Toten in den Mumienkörper ein.

Im nächsten und letzten Beitrag zum Thema Ewigkeit geht es um eine ganz spezielle Form der memoria, nämlich um die Damnatio memoria. Was das ist und was das mit meinem Besuch der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen zu tun hat, erscheint unter dem Titel Damnatio memoriae: Verdammt in alle Ewigkeit.

2 Kommentare zu „Antike Identitäten – Grabporträts im Römischen Reich“

  1. Avatar von Hupfer
    Hupfer

    Herzlichen Dank für die Beispiele römischer Grabkultur

    1. Avatar von Dr. Stefan Nährlich

      Vielen Dank für ihr freundliches Feedback, lieber Herr Hupfer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge