
Im letzten Sommer hatte ich beruflich in Isny im Allgäu zu tun und habe das Wochenende für Exkursionen auf den Spuren der alten Römer genutzt. In der Nähe von Isny, an der Straße nach Kempten, steht neben einer Bushaltestelle ein römischer Meilenstein und dann gibt es ja noch Cambodunum selbst, das römische Kempten, mit seinem Archäologischen Park.
Als die Römer das heutige Bayern ab 15 vor Christus in Besitz nahmen, wurde Cambodunum das politische und wirtschaftliche Zentrum der Region. Cambodunum fungierte als erste Hauptstadt der neu eingerichteten Provinz Rätien, die Teile der heutigen Schweiz, Österreichs und Bayerns umfasste.
Zwar gibt es für die Hauptstadtfunktion keinen schriftlichen Beweis, doch mehrere überzeugende Argumente. Bei Ausgrabungen fand man in Kempten die Überreste eines großen Gebäudekomplexes mit eigener Thermenanlage und mehreren Repräsentationsräumen. Dort wird kein reicher Händler gewohnt haben, sondern wohl der Statthalter der Provinz. Das Forum und die angrenzende Basilika waren sehr groß angelegt. Eine einfache Provinzstadt hätte solche Monumentalbauten nicht gebraucht – und vor allem nicht vom römischen Staat finanziert bekommen. Während andere Siedlungen in Rätien noch aus Holz und Lehm bestanden, wurde Cambodunum unter Kaiser Tiberius und Claudius zügig in Stein ausgebaut. Das war ein klares politisches Statement Roms: Hier ist das Machtzentrum.

Im Tempelbezirk gab es rund sechzehn verschiedene Kultstätten. Zu den nachgewiesenen Göttern gehören Herkules, Merkur und Epona, eine ursprünglich keltische Göttin der Fruchtbarkeit und der Pferde. Während der Haupttempel direkt auf dem Forum vermutlich für Jupiter oder den Kaiserkult ein vom römischen Staat finanziertes Machtsymbol war, entstand der Tempelbezirk größtenteils durch Stiftungen. Wohlhabende Bürger, lokale Politiker, Händler oder Veteranen der Armee ließen auf eigene Kosten kleinere Tempel, Altäre oder Weihesteine errichten. Sie taten dies aus Dankbarkeit an die Götter z.B. für ein überstandenes Unwetter oder ein gutes Geschäft und natürlich auch, um ihren sozialen Status zu zeigen. Ein im Gelände gefundener Inschriftenstein verrät zum Beispiel, dass ein Mann namens Florus ihn für die Göttin Epona aufstellen ließ.
Die antike Religion funktionierte nach dem Prinzip Ich gebe, damit du gibst. Wenn jemand beispielsweise der Armee seine zehn Pferde zu einem guten Preis zu verkaufen hoffte, konnte er seinem Anliegen mit einem Opfer an die Götter nachhelfen. Er versprach dann beispielsweise zum Dank für ein gutes Geschäft, ein Opfer an Epona zu bringen. Das hieß aber auch: kein guter Preis, kein Opfer. Die Römer gingen meistens bei ihren Göttern nicht in Vorleistung. Haben die Götter aber geliefert, musste man sein Gelübde auch halten. Auf den Weihesteinen stand dann Votum Solvit Libens Merito (VSLM), was übersetzt bedeutet: hat das Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst.
Ein Tempel war keine Kirche, kein Versammlungsraum für die Gemeinde, sondern wörtlich das Haus der Gottheit. Der Altar stand vor dem Tempel unter freiem Himmel. Nur der Priester durfte in das abgedunkelte Innere des Tempels, in die sogenannte Cella, eintreten. Wenn Gläubige draußen opferten, übergaben sie dem Priester Weihegaben und oft sogenannte Votivtafeln oder kleine Figuren. Der Priester nahm diese entgegen und hängte sie drinnen im Tempel als dauerhafte Erinnerung an die Bitte oder als Dank an die Götterstatue.
Die Priester gehörten Priesterkollegien an, die aus einer festgelegten Zahl von drei, sechs oder fünfzehn Männern aus den reichsten und einflussreichsten Familien der Stadt stammten. Sie waren die Verwalter der Religion und kümmerten sich um den fehlerfreien Ablauf der staatlichen und städtischen Rituale, verwalteten die Finanzen und Immobilien der Tempel und organisierten öffentliche Feste, Opferungen oder auch Gladiatorenkämpfe und Theaterspiele zu Ehren der Götter. Neben den Priesterkollegien gab es Kultvereine der einfachen Leute, bei denen jeder mitmachen konnte. Handwerker, Händler, freigelassene Sklaven und teilweise sogar für Sklaven. Man musste einen Mitgliedsbeitrag zahlen, um aufgenommen zu werden. Die Kultvereine boten darüber hinaus Geselligkeit und ein soziales Netzwerk und unterhielten häufig eine Sterbekasse. Verstarb ein Mitglied, denn organisierte der Verein ein anständiges römisches Begräbnis und ein Grabmal.
Neben den rekonstruierten Bauten des Tempelbezirks sind auf dem Gelände des Archäologischen Parks die Ruinen der Thermenanlage zu besichtigen. Genauer gesagt, die Kleinen Thermen. Diese Bäder gehörten ursprünglich direkt zum Praetorium, also dem Palast des römischen Statthalters. Sie waren in der Anfangszeit gar nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, sondern exklusiv dem Statthalter, seinem Verwaltungsstab und hochrangigen Gästen vorbehalten.
Es handelte sich ursprünglich um ein Reihenbad. Die Räume für den klassischen Badevorgang vom Dampfbad (Caldarium), über den lauwarmen Entspannungsraum (Tepidarium) bis zum kalten Tauchbecken (Frigidarium) waren in einer Reihe hintereinander angeordnet. Sie dienten der Reinigung, Entspannung und Gesundheitsförderung. Der Badeanlage wurden später weitere Schürräume, ein Schwitzbad sowie eine Latrine angefügt. Die heute so genannten Großen Thermen wurden im späten im ersten Jahrhundert als öffentliches Bad für die Zivilbevölkerung erbaut. Die Überreste liegen unter einem Park gegenüber den Kleinen Thermen.

Von den Einwohnern Cambodunums sind neben dem bereits erwähnten Römer Florus drei weitere Namen überliefert. Ein Grabstein im antiken Aquincum, dem heutigen Budapest, nennt Tiberius Claudius Satto und Ulpia Ursula. Satto war ein römischer Soldat, genauer gesagt ein Veteran der 10. Legion. Der Grabstein des hochdekorierten Legionärs nennt Cambodunum als seinen Heimatort. Anfang des zweiten Jahrhunderts war die Einheit in Aquincum, in der Provinz Pannonien, stationiert, wie der Informationstafel zu entnehmen ist. Dort starb Satto im Alter von 60 Jahren. Seine Ehefrau, Ulpia Ursula, hat den Grabstein errichten lassen. Ihrem Namen nach stammte sie wohl aus der Provinz Niedergermanien.
Häufig sind die Namen von Menschen wegen ihrer besonderen Verdienste als Soldaten oder ihrer guten Taten als Stifterinnen und Stifter überliefert. Den Namen eines weiteren Einwohners Cambodunums kennt man aufgrund seiner schlechten Taten. Ein anonymer Einwohner von Cambodunum hatte einen Mann namens Quartus verflucht und – damit der Fluch auch wirkte – den Namen in ein sogenanntes Fluchtäfelchen aus Blei geritzt. Die Unterweltsgöttinnen Dea Tacita und Muta sollten dafür sorgen, das Quartus verstummen und wie eine gehetzte Maus völlig orientierungslos herumirren sollte. Da hatte wohl wirklich jemand eine Abneigung gegen Quartus. Vielleicht tat aber Quartus gar nichts Schlechtes, sondern wollte vielleicht in einem Prozess ein Unrecht bezeugen?
Das Forum war der Hauptplatz der römischen Stadt Cambodunum. Hier spielte sich ein Großteil des öffentlichen Lebens ab. Um alle vier Seiten des Platzes gruppierten sich Gebäude, darunter ein Tempel, die Gerichts- und Markthalle (Basilika), mehrere Ladengeschäfte und Amtsräume. Eine Informationstafel und ein bronzenes Tastmodell vermitteln einen Eindruck von dem zeitgenössischen Zustand. Heute hat im Forumstempel wohl eine Wespe ihr Zuhause gefunden.
Von der Kreuzung der beiden Hauptstraßen cardo maximus und decumanus maximus gelangte man durch einen Torbau direkt in die Säulenhallen, die den Hauptplatz umgaben. Hier lag auch der Forumstempel, der vermutlich der Kapitolinischen Trias geweiht war, den drei wichtigsten römischen Staatsgöttern. Vor dem Forumstempel wurden Hinweise auf vier Statuensockel entdeckt, auf denen vermutlich überlebensgroße römischen Reiterstatuen aus vergoldeter Bronze standen. Gegenüber dem Forumstempel lag die Curia, der Sitzungssaal der beiden Bürgermeister und des Stadtrats von Cambodunum. An einer der beiden Längsseiten stand die Basilika. Direkt daneben lag der Palast des Statthalters.
An vielen Stellen im Archäologischen Park illustrieren Szenen den Alltag in Cambodunum. Sie stammen von Roger Mayrock. Einige Motive von den Informationstafeln habe ich durch Googles KI-Bildmodell Nano Banana Pro erweitern lassen. Sie sind ursprünglich rund und teilweise durch andere Objekte überlappt.
Was so dynamisch begann, endete aber bald. Als das Römische Reich sich weiter in den Norden ausdehnte, verlor Cambodunum die Funktion als Provinzhauptstadt an das strategisch günstiger gelegene Augusta Vindelicorum, das heutige Augsburg.
Dafür kann Kempten für sich in Anspruch nehmen, die älteste schriftlich belegte Stadt Deutschlands zu sein. Der griechische Geograph Strabon verfasste um das Jahr 18 sein Werk Geographika. Darin erwähnt er eine Stadt namens Kandobounon, die vom keltischen Stamm der Estionen bewohnt wurde. Pech für Trier, das bereits um 16 vor Chr. von den Römern gegründet und vermutlich die älteste als Stadt gegründete Siedlung Deutschlands ist. Namentlich schriftlich erwähnt wurde Trier aber erst etwas später, nämlich um 43 von Pomponius Mela.
Webseite des Archäologischen Parks Cambodunum und auf Google Maps. Weitere Fotos vom Besuch des Römerfestes 2018 in Cambodunum gibt es auf meinem alten Blog. In drei Jahren, 2029, sollte Kempten neben Augsburg und Straubing Schauplatz der Archäologische Landesausstellung Bayern mit dem Titel Römerwelten sein. Jetzt hört man, dass die Landesausstellung erst 2032 oder 2033 stattfinden wird.



















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