
Astigi, das heutige Écija in Andalusien, war eine reiche Stadt. Als Veteranenkolonie wohl 23 oder 22 vor Christus nach dem Ende des verheerenden römischen Bürgerkriegs gegründet, machten sich zehntausende altgedienter Soldaten daran, sich ein neues Leben aufzubauen. Der Schlüssel dazu war der Export von Olivenöl. Im Umland von Astigi waren die Hügel rund um die Stadt voller Olivenbäume. In landwirtschaftlichen Betrieben wurde das Öl gepresst und in standardisierte Transportamphoren abgefüllt. Über den Fluss Genil wurden die Waren mit flachen Kähnen nach Sevilla gebracht und von dort über das Mittelmeer verschifft.
Darüber hinaus war die Colonia Augusta Firma Astigi der Sitz eines der vier Gerichtsbezirke der Provinz Hispania Baetica. Der Bezirk lag zwischen den heutigen Städten Granada, Jaén, Antequera und Osuna. In Astigi standen die Villen der reichen Oberschicht aus der Region und die typischen öffentlichen Gebäude einer bedeutenden römischen Stadt: Thermen, ein Forum mit Basilika und Tempeln sowie ein Amphitheater und eine Wagenrennbahn. Auch ein Bühnentheater gab es wohl. Es konnte jedoch bislang nicht lokalisiert werden.
Wer heute nach Écija reist, sucht die Ruinen von Astigi im Stadtbild vergeblich – die moderne Stadt wurde über der antiken errichtet. Dafür beherbergt das kleine Historische Museum im Palacio de Benamejí sehenswerte Objekte. Das Highlight ist die Verwundete Amazone von Écija – eine der weltweit am besten erhaltenen römischen Marmorskulpturen dieser Art. Archäologen haben an ihr sogar noch die originalen antiken Farbpigmente nachweisen können. Die marmorne Amazone war nicht einfach Dekoration für einen Tempel oder eine Villa – sie verkörperte den Habitus der romanisierten Elite. Egal ob in Rom, in Astigi, in Britannien, der heutigen Türkei oder den Städten Nordafrikas: Ihre Besitzer vermittelten damit ihre Bildung und Kenntnis der klassischen Mythologie. Sie zeigten ihre Zugehörigkeit zur römischen Oberschicht, drückten ihre Bewunderung für die griechische Kunst aus und beschworen Tugenden wie Mut, Stärke und Würde im Angesicht des Todes. Wenn man so will, war sie die bildungsbürgerliche Variante eines Gladiatorenkampfes. Denn die waren nicht nur Massenunterhaltung, sie sollten auch wichtige römische Werte vor Augen führen: Tapferkeit und Todesmut.

Die archäologischen Ausgrabungen im Stadtzentrum von Écija haben die Mosaike, Wandgemälde und Kunstwerke in den Stadthäusern der reichen Oberschicht von Astigi nachgewiesen. Die Mosaike bedeckten die Böden der repräsentativen Haupträume. Sie zeigten zweifarbige oder bunte geometrische Muster und oft mythologische Szenen.
Das sogenannte Mosaik der Jahreszeiten ist ein farbiges Mosaik von hoher künstlerischer Qualität. Seinen Namen hat es von der Darstellung der vier Jahreszeiten um den Gott Annus herum. Dieser sitzt auf einem himmlischen Thron zwischen zwei geflügelten Siegesgöttinnen und hält einen Olivenzweig in der rechten Hand und ein Füllhorn in der linken. Das zentrale Achteck ist von Allegorien der vier Jahreszeiten umgeben. Versinnbildlicht werden Wohlstand und der harmonische Lauf der Zeit. Andere Mosaike im Museum von Écija zeigen ein häufig wiederkehrendes Motiv: die Darstellung des Gottes Bacchus und seines Gefolges. Im Mosaik des dionysischen Triumphes sieht man beispielsweise Bacchus im Triumphwagen. Um ihn sieht man Orpheus, der die Lyra spielt, Leda mit dem Schwan, ein Heros mit Pferd und Speer und viele weitere Figuren aus der griechischen Mythologie.
Im Mosaik Das Geschenk des Weines sieht man Bacchus als Kind, das auf einem Panther reitet. Das Mosaik stellt eine Szene aus dem Bacchus-Mythos dar, nach dem der Gott den Menschen das Geheimnis des Weinbaus und der Weinherstellung schenkte. Der junge Bacchus ist nur mit einem kleinen Mantel bekleidet und hält einen mit Efeuranken und Blättern verzierten Stab, das Attribut seiner Göttlichkeit, in der Hand. Um das Zentrum herum befinden sich Szenen, die sich auf die Traubenlese und den Wein beziehen: Ein alter Hirte mit einem Krummstab, der auf einem Felsen sitzt. Der mythische Ikarios, der als erster Sterblicher von Bacchus in den Weinanbau eingeweiht wurde, zwei bärtige Hirten, die mit einem Weinbecher anstoßen, eine Mänade oder Bacchantin, ein ziegenfüßiger Pan, der Weintrauben trägt und schließlich ein Satyr, der Trauben in einer Weinpresse zertrampelt.
Neben dem Saal mit den Mosaiken befindet sich das Highlight des Museums: die Verwundete Amazone von Écija. Im Jahr 2002 wurde sie bei Ausgrabungen gefunden. Die Statue wurde aus griechischem Marmor zwischen 135 und 138 angefertigt. Bestimmt nicht von einem lokalen Steinmetz. Die Qualität der Arbeit und der Stil entsprechen den Skulpturen, die Kaiser Hadrian zur selben Zeit für seine Residenz in Tivoli bei Rom in Auftrag gab. Sicher war hier eine Spitzenwerkstatt aus Rom (oder allenfalls aus Griechenland) am Werk. Bildhauerwerkstätten, die Kopien auf diesem Niveau und nach so seltenen Vorbildern anfertigen durften, arbeiteten im Regelfall direkt für den kaiserlichen Hof oder die Reichselite.
Die Amazone von Écija ist eine römische Marmorkopie einer Statue der verwundeten Amazone, die der griechische Bildhauer Polyklet im fünften Jahrhundert vor Christus ursprünglich als Bronzestatue im klassischen, strengen Stil geschaffen hat. Sie befindet sich in einem außergewöhnlich guten Erhaltungszustand, einschließlich Spuren von Pigmenten: Rot- und Brauntöne im Haar, Rot auf den Lippen sowie weitere Farbspuren an anderen Stellen. Die Statue stellt eine Kriegerin aus der griechischen Mythologie dar, die durch eine Wunde an ihrer rechten Seite kurz davor ist, in Ohnmacht zu fallen. Der Künstler hebt ihren Schmerz und ihre Gelassenheit hervor. Sie trägt einen kurzen Chiton, der gerafft und an der Taille mit dem provisorischen Zaumzeug ihres Pferdes gegürtet ist.
Die Statue wurde im Inneren eines Tempels des Kaiserkults gefunden, verborgen im hinteren Teil des Heiligtums. Vermutlich wurde die Statue in der Spätantike dort bewusst in Sicherheit gebracht. Archäologen gehen davon aus, dass sie ursprünglich das Forum von Astigi oder den prachtvollen, von Säulen umgebenen Vorhof des Tempels schmückte. Die Untersuchungen des Marmors haben Spuren von Verwitterung und alte römische Reparaturen ans Licht gebracht. Das zeigt, dass die Amazone über viele Jahrzehnte hinweg im Freien stand. Später stand sie wohl einige hundert Jahre im Inneren des Tempels. Ihr Sockel wurde dort mit speziellen Metallklammern fest im Boden verankert.
Wie aber kam solch ein Kunstschatz nach Astigi? Vielleicht als Geschenk Kaiser Hadrians. Bekannt ist, dass er seine spanische Heimatprovinz im Winter 122/123 persönlich besuchte und während dieser Reise viele Städte der Region durch großzügige Schenkungen, Bauprogramme und Privilegien förderte. Oder sie wurde vom Ordo Augustalis gestiftet. Ein Gremium aus sechs wohlhabenden Freigelassenen, die für die Organisation und Finanzierung des Kaiserkults in Astigi verantwortlich waren. Vielleicht auch von einer reichen Witwe, die vom Stadtrat zur Priesterin des Kaiserkultes gewählt wurde und die Opferzeremonien, Festzüge und Bankette zu Ehren der kaiserlichen Familie leitete. Aus einer Inschrift in Astigi ist Aponia Montana bekannt. Sie vermachte der Stadt in ihrem Testament eine Statue aus über 32 kg reinem Silber. Das Geld war also durchaus vorhanden und ein guter Stadtrat hätte vermutlich die Stadtkasse geschont und eine solche Anschaffung nicht aus öffentlichen Mitteln in Auftrag gegeben, wenn es auch anders möglich gewesen wäre.

Im Erdgeschoss zeigt das Museum der Stadt verschiedene kleine und größere Objekte. Säulenreste, Inschriften und auch einige Amphoren, wie hier in dem Teilstück eines nachgebauten Frachtraumes eines römischen Lastschiffs. Aus der Region um Astigi stammte ein großer Teil des im Römischen Reich verkauften Olivenöls. Im Hafen von Hispalis, dem heutigen Sevilla, wurden die Amphoren dann auf Frachtschiffen umgeladen und über den Fluss Baetis (heute Guadalquivir) und durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer verschifft.
Ölamphoren waren in Form und Größe standardisiert, obwohl sie an verschiedenen Orten hergestellt wurden. Die Amphoren mit rundem Körper (Typ Dressel 20) dienten dem Schiffstransport von Olivenöl aus der Provinz Baetica. Schlankere, längliche Formen wurden für Wein oder Fischsaucen verwendet. Im Ton eingeritzte Stempel geben Auskunft über den Hersteller oder Eigentümer, aufgemalte Tinteninschriften dokumentieren das Ölgewicht sowie den Namen des Händlers. Notwendige Informationen auch für die kaiserlichen Zollbeamten. Die römischen Amphoren waren aufgrund der porösen Tonwände nur einmal zu verwenden. Millionen dieser antiken Einwegcontainer wurden in Rom entsorgt. Daraus entstand ein künstlicher Hügel, der Monte Testaccio im gleichnamigen römischen Stadtteil.
Webseite des Städtischen Geschichtsmuseum von Écija und auf Google Maps. Außerdem habe ich eine Geschichte über Marcus Valerius Celerinus aus Astigi geschrieben.









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