
In der Pfalzgasse in Zürich, unweit des vielbesuchten Aussichtspunktes auf dem Lindenhof mit Blick auf den Fluss Limmat und die Altstadt, befindet sich das Zeugnis der ältesten Erwähnung Zürichs und ein Stück römisches Erbe: der Grabstein des Lucius Aelius Urbicus aus dem späten zweiten oder frühen dritten Jahrhundert.
Zu dieser Zeit befand sich hier der römische Vicus Turicum, mit einem See- bzw. Flusshafen und einer Zollstation. Das Gebiet der heutigen Schweiz wurde bereits zwei Jahrhunderte vorher Teil des römischen Reiches und die dort lebenden keltischen Helvetier romanisiert. Die meisten Touristen und Einheimischen gehen an dem Grabstein des Lucius Aelius Urbicus achtlos vorbei. Dabei ist diese Inschrift nicht nur ein berührendes Zeugnis elterlicher Trauer, sondern enthält auch viele Informationen, die Neugierig machen und Fragen aufwerfen.

Die Inschriften enthielten üblicherweise nur die Anfangsbuchstaben oder markanten Konsonanten von Wörtern. Außerdem wurde die Texte ohne Worttrennung geschrieben. Das U wurde als V dargestellt.
D(is) M(anibus), / Hic situs est / L. Ael(ius) Urbicus / qui vixit an(no) / uno m(ensibus) V d(iebus) V // Unio Aug(usti) lib(ertus) / p(rae)p(ositus) sta(tionis) Turicen(sis) / (quadragesimae) G(alliarum) et Ae(lia) Secundin(a) / p(arentes) dulcissim(o) f(ilio.)
Den Manen. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus, der ein Jahr, fünf Monate und fünf Tage lebte. Unio, der Freigelassene des Kaisers, Vorsteher des Zürcher Zollpostens des gallischen Zolls, und Aelia Secundira, die Eltern, ihrem süssesten Söhnchen.
Kürzlich las ich aus beruflichen Gründen das Interview mit einer ehemaligen Rektorin die dafür plädierte, Schüler permanent vor sogenannte Detektivaufgaben zu stellen. Sie dürften die KI nutzen, ihre Oma befragen, Bücher lesen und sollten lernen, mit Herausforderungen umzugehen. Das fiel mir wieder ein, als ich diesen Blogbeitrag schrieb und welches Vergnügen es sein kann, Begebenheiten zu finden und mehr wissen zu wollen: Warum war hier ein Zollposten? Wie hoch war der Zoll? Welche Waren wurden transportiert? Wie wurden sie transportiert? Wer hat sie gekauft? Wer waren die Eltern? Woran starb der kleine Lucius? Einige Antworten habe ich gefunden.
Die römische Familie
Der Sohn (Lucius Aelius Urbicus) starb bereits sehr jung. Die genaue Angabe der Lebensdauer (1 Jahr, 5 Monate, 5 Tage) ist typisch für römische Grabsteine. Die tiefe Trauer der Eltern zeigt sich in der Formulierung süßestes Söhnchen (filio dulcissimo). Die Mutter (Aelia Secundira) hat einen keltisch klingenden Nachnamen, was darauf hindeutet, dass Unio (der vielleicht aus Rom oder einem anderen Teil des Römischen Reiches kam) eine einheimische Frau heiratete. Ihr Vorname Aelia lässt den Schluss zu, dass sie das Bürgerrecht unter Kaiser Hadrian oder seinen Nachfolgern erhielt, deren Gentilname Aelius war. Der Vater, Unio, wird als Freigelassener des Kaisers genannt. In Verbindung mit dem Namen seines Sohnes, dürfte er wohl Lucius Aelius Augusti libertus Unio geheißen haben. Unio war ursprünglich ein Sklave des kaiserlichen Haushalts und blieb nach seiner Freilassung im Dienst der kaiserlichen Verwaltung. Das kann man durchaus eine Karriere und einen sozialen Aufstieg nennen: vom unfreien Sklaven zum angesehenen Beamten und Chef einer Zollstation.
Die römische Wirtschaft
Chef der Zollstation zu sein, war eine verantwortungsvolle Position. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der römische Staat keine Einkommenssteuer im modernen Sinne kannte. Landbesitz und Handel wurden besteuert. Dabei waren die römischen Handelszölle anders als die aktuellen Maßnahmen der Trump Regierung. Es ging nicht darum, die eigene Wirtschaft zu schützen oder den Markt zu lenken. Es ging darum Geld einzunehmen, damit der Staat vor allem die Armee finanzieren konnte. Wer durch das Reich reiste, um Geschäfte zu machen, musste dem Kaiser einen Anteil geben. Und da viel gehandelt wurde, lohnte sich das auch für den Staat.
Unios Zollstation kontrollierte den Warenverkehr auf der wichtigen Wasserroute Walensee – Zürichsee – Limmat – Rhein. Die Inschrift erwähnt den gallischen Zoll, der ein Vierzigstel bzw. 2,5 Prozent des Warenwertes betrug, der bei der Ein- und Ausfuhr erhoben wurde. Zwar hieß der Zoll Gallischer Zoll, doch Turicum gehörte zur römischen Provinz Obergermanien mit der Provinzhauptstadt Mogontiacum, dem heutigen Mainz. Die Erklärung liegt in der Trennung von politischer Verwaltung und Finanzverwaltung im Römischen Reich. Die Zollbezirke dienten der Steuererhebung und umfassten mehrere Provinzen.
Wer also Waren wie Wein, Olivenöl, die Würzsauce Garum oder Luxusgüter wie Datteln, Feigen, Pfeffer oder Austern über den Wasserweg in das große Militärlager Vindonissa (heute Windisch/Brugg) oder in die Stadt Augusta Raurica bringen wollte oder gar weiter nach Mogontiacum oder die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) verschiffte, musste hier seine Waren von Schiffen über den Zürichsee auf flachbödige Flusskähne umgeladen. Ideal für die Zöllner, sich die Waren dabei genau anzusehen, zu wiegen, zu zählen und zu besteuern. Wer auf dem entgegengesetzten Weg Waren wie Holz, Vieh, Käse, Räucherschinken, Glas oder Bernstein aus dem Norden in den Süden bringen wollte, wurde natürlich ebenso zur Kasse gebeten.
Zu Unios Zeit war die Erhebung von Zöllen und Steuern eine staatliche Aufgabe. Das war nicht immer so. Vor allem während der Römische Republik, aber auch noch in der frühen Kaiserzeit, ersteigerten private Konsortien, die Publicani, das Recht, Steuern einzutreiben. Sie zahlten dem Staat dafür eine fixe Summe im Voraus. Alles, was sie darüber hinaus eintrieben, war ihr Profit. Klingt nach schlankem Staat, begünstigt aber eine explosive Mischung aus Korruption, Ausbeutung, Willkür und Macht. Nicht umsonst begann Kaiser Augustus die Finanzverwaltung zu verstaatlichen. Vermutlich seitdem beklagten Händler und Verbraucher bis heute eine steigende Bürokratisierung.
Welche Rolle haben wohl Bestechung und Schmuggel gespielt? Was haben Zöllner verdient und wer hat sie beaufsichtigt? Haben sich die Händler mehr über die Höhe des Zolls oder den zeitlichen Aufwand geärgert? Diese und weitere Fragen lassen wir jetzt einfach mal so unbeantwortet stehen.
Letzter Hinweis: Das Original des Grabsteins des Lucius Aelius Urbicus steht im Landesmuseum Zürich. Die Reproduktion in der Pfalzgasse wurde 1986 vom Rennweg-Quartier-Verein der Stadt Zürich gestiftet, zum Jubiläum 2000 Jahre Zürich. Wo der Grabstein seinerzeit aufgestellt war, ist nicht bekannt. Auf dem Lindenhof kam er erst als Baumaterial (Spolie), als in spätrömischer Zeit das Kastell ausgebaut wurde.
Grabstein des Lucius Aelius Urbicus im Landesmuseum Zürich und die Reproduktion in der Pfalzgasse in Zürich auf Google Maps.



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