Die Ny Carlsberg Glyptotek ist ein Kunstmuseum in Kopenhagen. Es zeigt mehr als 10.000 Büsten, Statuen und andere Werke aus der Antike sowie dänische und französische Skulpturen und Gemälde des 19. Jahrhunderts. 

Initiatoren waren der Bierbrauer und Mäzen Carl Jacobsen und seine Frau Ottilia Jacobsen. Im Jahr 1888 schenkten sie ihre Kunstsammlung der Stadt Kopenhagen, und das Ehepaar gab den Bau des neuen Museums in Auftrag. Die dänische Hauptstadt stellte das Grundstück am Dantes Plads 7 zur Verfügung. Das neue Museum öffnete 1897 seine Tore, und knapp zehn Jahre später wurde bereits der Erweiterungsbau von Hack Kampmann eingeweiht, dessen Herzstück die Central Hall ist. Inzwischen hatte das Ehepaar auch seine Stiftung gegründet, die das Museum fördert.

Statue einer verheirateten römischen Bürgerin (Matrona).

Die Central Hall erinnert an ein römisches Forum: ein rechteckiger Platz, der an drei Seiten von Kolonnaden umgeben ist, mit einem Tempel gegenüber dem Eingang. Zwischen den Säulen stehen römische Porträtstatuen von Kaisern, Göttern und Bürgern. Einige Figuren sind aus verschiedenen antiken Originalen zusammengesetzt, weil Carl Jacobsen in dieser Halle vollständige Statuen zeigen wollte. Durch das Glasdach fällt viel Licht ein, und wenn Sonne und Wolken mitspielen, zeichnen sich Licht und Schatten auf den Statuen und dem Mosaikboden ab.

Zu den römischen Porträtstatuen zwischen den Kolonnaden gehören unter anderem die Statue eines Togaträgers aus trajanischer Zeit, die als Kaiser Augustus restauriert wurde. Etwa 80 Jahre später, nach dem Ende der flavischen Kaiser, regierte für kurze Zeit Kaiser Nerva, der hier als Jupiter dargestellt ist. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen Statuen der Kaiser Antoninus Pius und Marcus Aurelius, die nacheinander herrschten. Der eine musste fast keine Kriege führen, der andere erlebte kaum Friedenszeiten. Faustina die Jüngere steht neben ihrem Vater Antoninus Pius, der sie mit Marcus Aurelius verheiratete. In anderen Bereichen der Kolonnaden stehen Götter, Musen und Statuen von Männern und Frauen.

Die Central Hall in der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen.

An der Central Hall sieht man, wie die Jacobsens nicht nur Antike sammelten, sondern auch für die Gegenwart inszenierten. Hier wirkt der ganze Raum, nicht nur seine einzelnen Objekte. Ein Saal, der am wenigsten wie ein Museum wirkt und eine Brücke in die Vergangenheit schlägt. Die Anmutung eines antiken Forums, auch in seiner alltäglichen Bedeutung. Heute kann man den Saal für Veranstaltungen mieten. Schon die Central Hall allein lohnt den Besuch in der Ny Carlsberg Glyptotek. Ich kenne wenige museale Orte, die solch eine Atmosphäre besitzen. Der Saal von Apamea im Brüsseler Kunst- und Geschichtsmuseum hat auf mich eine ähnliche Wirkung.

Ich hatte gehofft, auf eine vollständige Übersicht der Statuen und Objekte in der Central Hall verlinken zu können. Leider habe ich weder auf der Webseite der Ny Carlsberg Glyptotek etwas dazu gefunden noch anderswo. Da ich selbst entweder gezielt bestimmte Objekte fotografiere oder mich beim Fotografieren situativ orientiere, kann ich damit auch nicht dienen. Dafür schreibe ich demnächst einen Beitrag darüber, wo man im Internet danach suchen kann, um zumindest einige solcher Informationen zu finden.

Gezielt gesucht habe ich nach diesem Statuensockel, da ich bei einer Recherche auf die Inschrift gestoßen war. Der Sockel unter der Statue der weiblichen, drapierten Figur mit aufgesetztem modernem Kopf (der vielleicht die jüngere Agrippina oder Livia darstellt) trägt eine Inschrift zu Ehren des römischen Kaisers Diokletian. Aufgrund der Fundumstände wird davon ausgegangen, dass ihn das Collegium der fabri tignuarii aus Ostia in Auftrag gegeben hat. Entweder aus Dank für Maßnahmen, von denen der Verein profitiert hat, oder um sich durch solche Loyalitätsbekundungen für künftige Privilegien zu empfehlen. Die Inschrift lautet:

Imp(eratori) Caes(ari) C(aio) Valerio / Diocletiano / Pio Felici / Invicto Aug(usto) pontif(ici) max(imo) / Brit{t}annic(o) max(imo) Germ(anico) / max(imo) trib(unicia) potest(ate) II co(n)s(uli) II / p(atri) p(atriae) proco(n)s(uli) / honorati et decurion(es) / et numerus militum / caligatorum //

„Dem Imperator Caesar Gaius Valerius Diocletianus, dem frommen, glücklichen, unbesiegten Augustus, dem obersten Priester, dem größten Sieger über Britannien, dem größten Sieger über Germanien, zum zweiten Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, zum zweiten Mal Konsul, Vater des Vaterlandes, Prokonsul. [Geweiht von] den honorati, den decuriones und der Schar der milites caligati.“

Interessant ist der letzte Satz. Die honorati sind besonders verdienstvolle Mitglieder, meist ehemalige Amtsträger. Die decuriones hatten leitende Funktionen im Verein. Vereinfacht könnte man von Vorstand und Aufsichtsrat sprechen. Als weitere Gruppe wird ein numerus militum caligatorum genannt, was wörtlich etwa die Schar der stiefelbeschuhten Soldaten meint. Mit Militär hat das jedoch hier nichts zu tun, vielleicht ist eine Abordnung einfacher Mitglieder gemeint. Noch interessanter wird es, wenn man sich die zweite Inschrift auf dem Stein anschaut. Sie hat mit der Diokletian-Widmung selbst nichts zu tun und ist fast 100 Jahre jünger. Diese Inschrift enthält jedoch eine Zeitangabe. Erwähnt wird das 29. Lustrum, also der 29. Fünfjahresabschnitt in der Zählung des Collegiums. Wenn die Zählung seit der Gründung des Kollegiums so stattgefunden hat, ist die Vereinsgründung der Fabri tignuarii Ostiae um das Jahr 60 anzusetzen. Da die Diokletian-Widmung wohl im Jahr 285 stattgefunden hat, hätte das Kollegium zu dieser Zeit seit ungefähr 220–230 Jahren bestanden. Wer weiß, wie lange es noch bestanden hat.

Die Fabri tignuarii waren wohl das wichtige Baukollegium Ostias. In der Forschung wird ihre Bedeutung ausdrücklich mit dem Bauboom der Hafenstadt und dem Bedarf an großen öffentlichen Speicher- und Hafenbauten verbunden. Entsprechend dürfte ihr Aufgabenfeld vor allem Bau, Ausbau, Reparatur und Unterhalt von Gebäuden umfasst haben, besonders dort, wo viel Holz- und Tragwerksarbeit nötig war.

Ottilia und Carl Jacobsen. Büsten von Jean Escoula (1904, modelliert 1885) und Jean Gautherin (1885) im Wintergarten der Ny Carlsberg Glyptotek.

Ottilia und Carl Jacobsen haben mit ihrer Stiftung und der Ny Carlsberg Glyptotek etwas für die Ewigkeit geschaffen, oder doch zumindest etwas, das ihr eigenes Leben überdauert. Wie antike Euergeten oder moderne Philanthropen haben sich die beiden für ihre Stadt engagiert. Die Stiftung folgt ihrer Überzeugung, dass Kunst das Leben der Menschen bereichert und für alle zugänglich sein sollte, unabhängig von Herkunft oder Bildung. Heute ist die Ny Carlsberg Glyptotek eine unabhängige, staatlich anerkannte Institution. Sie hat einen stiftungsähnlichen Charakter, ist aber kein Teil der Ny Carlsberg Stiftung.

Von der Ny Carlsberg Stiftung erhält das Museum jährliche Betriebszuschüsse. Die Stiftung bekommt ihre Mittel hauptsächlich aus Dividenden des Brauereikonzerns Carlsberg. Außerdem erhält das Museum öffentliche Zuschüsse von der dänischen Kulturbehörde und Spenden.

Ny Carlsberg Glyptotek am Dantes Plads 7 in Kopenhagen.

Bald steht eine große Restaurierung für den Gebäudekomplex der Ny Carlsberg Glyptotek an. Ab dem Jahr 2028 sollen umgerechnet etwa 250 Millionen Euro investiert werden, um das Gebäude baulich und technisch zukunftssicher zu machen und die Zugänglichkeit der Kunstschätze für kommende Generationen sicherzustellen. Während eines Teils dieser Zeit wird das Museum für die Öffentlichkeit geschlossen sein.

Webseite der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen und auf Google Maps.

2 Kommentare zu „Stiften für die Antike: die Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen“

  1. Avatar von Judith Schewe
    Judith Schewe

    So schön! Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Text wie Fotos👍 Das lockt nach Kopenhagen, von SH ist das ja eigentlich nicht weit weg.
    Einen schönen Sonntag wünscht Judith

    1. Avatar von Dr. Stefan Nährlich

      Kopenhagen lohnt sich unbedingt, zumal es ja dort auch noch das Thorvaldsens Museum gibt … Herzliche Grüße, Stefan

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