Im Mai war ich in Andalusien und auf dem Weg von Corduba nach Sevilla habe ich kurzentschlossen in Écija Station gemacht. Das Wetter war schlecht, ein zusätzlicher Museumsbesuch schien mir passend. Im städtischen Geschichtsmuseum sah ich im Erdgeschoss das Foto eines Grabsteins aus Köln. Auf ihm steht: 

„Marcus Valerius Celerinus, aus dem Stimmbezirk Papiria, gebürtig aus Astigi, Bürger von Köln, Veteran der 10. Legion (der Zwillingslegion, der pflichtbewussten und treuen), hat dies zu Lebzeiten für sich und seine Ehefrau Marcia Procula angefertigt.“

Wenige Zeilen, die jedoch über ein Leben erzählen. Und aus denen man etwas lernen kann. Was haben Historiker und Archäologen herausgefunden?

Hinweis auf den Grabstein des Marcus Valerius Celerinus im städtischen Geschichtsmuseum von Écija
Wann war Celerinus bei der Armee?

Der Hinweis auf den Ehrentitel seiner Legion (Pia Fidelis – Pflichtbewusst und Treu) bringt erste Anhaltspunkte. Er wurde der Einheit im Jahr 89 von Kaiser Domitian verliehen. Damals hatte ein rebellischer Statthalter in Mogontiacum, dem heutigen Mainz, einen Aufstand gegen den Kaiser angezettelt. Die 10. Legion, die seinerzeit im heutigen Nijmegen stationiert war, blieb dem Kaiser treu und half, die Rebellion niederzuschlagen. Als Belohnung verlieh der Kaiser dieser Legion den stolzen Beinamen.

Im Jahr 98 wurde dann Marcus Ulpius Traianus im heutigen Köln zum neuen Kaiser des Römischen Reiches ausgerufen, nachdem Kaiser Nerva in Rom gestorben war. Trajan hielt sich monatelang im Rheinland auf, inspizierte die Truppen und ordnete die Verhältnisse an der Grenze neu. In genau dieser Phase erreichte die 10. Legion das Ende eines langen Dienstzyklus. Viele Soldaten, die in den 70er Jahren rekrutiert worden waren, erreichten nach etwa 25 Jahren gleichzeitig ihre Dienstaltersgrenze und wurden ehrenvoll entlassen. Kaiser Trajan belohnte diese treuen Veteranen mit Geld oder Land in der nahegelegenen Colonia Claudia Ara Agrippinensium, dem heutigen Köln. Bald darauf, im Jahr 104, wurde die Legion dauerhaft weg vom Rhein an die Donau verlegt. Die Entlassung muss also zwischen 89 und 104 stattgefunden haben. Viel spricht dafür, dass es im Jahr 98 war.

Wie kam ein Spanier zu einer römischen Legion nach Germanien?

Die 10. Legion war ursprünglich in Spanien stationiert. Kurz nach dem Bürgerkrieg des Vierkaiserjahres ließ sie Kaiser Vespasian im Jahr 70 mit anderen Einheiten aus dem gesamten Römischen Reich an den Rhein verlegen, um den Bataveraufstand niederzuschlagen. Entweder erlitt die Legion dort in den Kämpfen hohe Verluste, oder sie besaß bereits bei der Verlegung nicht die volle Soll-Stärke. Jedenfalls fanden im Jahr 71 oder 72 massive Rekrutierungen in der gesamten Provinz Hispania Baetica statt.

Genau in diesem Moment kreuzen sich die Wege des jungen Celerinus aus Astigi und der 10. Legion. Vermutlich auf dem Forum der Stadt, wo junge Männer aus der ganzen Region von kaiserlichen Beamten gemustert wurden. Das war im Grunde nicht viel anders als heute: Staatsbürgerschaft, Alter und körperliche Fitness wurden geprüft. Wer die Musterung bestand, wurde einer Einheit der Römischen Armee zugeteilt.

Nach dem Fahneneid auf den Kaiser begann die Grundausbildung. Celerinus bekam sie entweder in einem provisorischen Sammellager in Spanien oder – was wohl wahrscheinlicher ist – während des Marsches mit den anderen Rekruten und direkt nach der Ankunft im neuen Legionslager in Nijmegen am Rhein. Auch die Jahre bis zu seiner ehrenvollen Entlassung waren sicher nicht langweilig. In den 80er Jahren nahm seine Legion unter Kaiser Domitian am Feldzug gegen den germanischen Stamm der Chatten im heutigen Hessen teil. Im Januar 89 kam es dann zu den Kämpfen gegen den rebellierenden Statthalter im heutigen Mainz, bei dem sich die 10. Legion ihren Ehrennamen erwarb. Die Jahre dazwischen waren mit Wachdienst, Patrouillen, Bautätigkeiten, Manövern und den täglichen Routinen eines Soldatenlebens ausgefüllt. Mitte der 90er Jahre neigte sich die Dienstzeit von Celerinus dem Ende zu und das Römische Reich geriet erneut in Turbulenzen. Kaiser Domitian wurde im Jahr 96 ermordet, der alte Kaiser Nerva übernahm kurzzeitig, und im Jahr 98 bestieg Trajan den Thron – ausgerechnet als er gerade in Köln war. Sicher ein großes Ereignis für Zivilbevölkerung und Militär! Celerinus erhielt seine ehrenvolle Entlassung und die Abfindung für seine Militärzeit. Entweder ein großes Stück Land oder eine stattliche Geldsumme in Höhe des Soldes von etwa zehn Jahresgehältern. Vermutlich hat er zu dieser Zeit auch geheiratet und den Grabstein anfertigen lassen. Dass dies zu Lebzeiten geschah ergibt sich aus der Inschrift und war allgemein üblich.

Grabstein des Marcus Valerius Celerinus im Römisch-Germanischen Museum am Roncalliplatz in Köln.
Wie wurde ein römischer Bürger zum Bürger Kölns?

Bürgerrecht und Stadtrecht waren so bedeutend, dass Celerinus sie auf seinem Grabstein erwähnt. Der Stimmbezirk Papiria lag ursprünglich im unmittelbaren Umland von Rom und umfasste die Bürger der dortigen Bevölkerung. Als Rom expandierte, wurden keine neuen Stimmbezirke mehr geschaffen; die Gesamtzahl war schon 250 Jahre vorher auf 35 Tribus eingefroren. Wenn die Römer neue Kolonien gründeten (wie Astigi in Spanien) oder ganze Städte außerhalb Italiens das römische Bürgerrecht erhielten, wurden diese Neubürger einem der bestehenden Stimmbezirke zugewiesen, um dort wählen zu dürfen. Die Folge: Die Tribus Papiria hatte ab der späten Republik und der Kaiserzeit keine geschlossene geografische Lage mehr. Sie existierte quasi als virtueller Stimmbezirk überall dort im Reich, wo Augustus oder andere Kaiser ihr Kolonien zuwiesen.

Als Kaiser Augustus die Colonia Augusta Firma Astigi etwa achtzig Jahre vorher gründete und dort Veteranen seiner Legionen ansiedelte, mussten sie administrativ erfasst werden. Auch, um ihnen ihr römisches Stimmrecht zu sichern. Daher wurden alle Neubürger von Astigi einem bestimmten römischen Stimmbezirk zugeordnet. In dem Fall der Tribus Papiria. Für Celerinus hieß das: Er war ein vollwertiger römischer Staatsbürger, durfte beispielsweise in die Legion eintreten, hatte das Recht, Verträge abzuschließen, war vor der Folter geschützt und war in Rom stimmberechtigt, wenn Gesetze verabschiedet oder Beamte gewählt wurden. Diese Rechte galten überall im Römischen Reich. Er hätte auch eine Ehe nach römischem Recht eingehen dürfen, wäre er nicht Soldat geworden. Heiraten war während des Militärdienstes nicht erlaubt. 

Auf lokaler Ebene galt aber auch das Selbstverwaltungsrecht der Städte. Das Römische Reich bestand aus tausenden, weitgehend autonomen Städten. Wer römischer Staatsbürger war, konnte nicht allein deshalb in jeder beliebigen Stadt wohnen oder wählen. Jede Stadt (Colonia oder Municipium) hatte ihr eigenes lokales Bürgerrecht. Wie kam man daran? Um in einer Stadt wie Köln als vollwertiger Bürger in die Bürgerlisten aufgenommen zu werden und am politischen Leben teilzuhaben, musste man einen gewissen Wohlstand nachweisen. Celerinus besaß diesen Wohlstand durch seine Abfindung von der Armee. Er konnte die örtlichen Steuern zahlen und seinen Lebensunterhalt selbst tragen. Wer darüber hinaus zur lokalen Elite gehören wollte, zahlte noch eine Art Eintrittsgebühr, die Summa Honoraria. Dieses Geld floss direkt in die Stadtkasse oder wurde vom Neubürger genutzt, um der Stadt ein Geschenk zu machen – zum Beispiel die Finanzierung einer Statue, eines Brunnenbaus oder von öffentlichen Spielen. 

Bei Legionären gab es noch eine Besonderheit: Manchmal verlieh der Kaiser den Entlassungsjahrgängen das Bürgerrecht für eine bestimmte Stadt direkt als zusätzliche Belohnung für den treuen Dienst. Da Trajan im Jahr 98 in Köln zum Kaiser ernannt wurde, ist es gut möglich, dass er den altgedienten Soldaten der 10. Legion das Kölner Bürgerrecht schenkte, um loyale Veteranen gezielt in dieser wichtigen Grenzstadt anzusiedeln. 

Wer war seine Ehefrau Marcia Procula?

Auf dem Grabstein ist auch seine Ehefrau genannt und bildlich dargestellt. Wer war sie wohl? Rheinländerin? Spanierin? Wahrscheinlich war sie eine Einheimische. Celerinus verbrachte 25 Jahre seines Lebens am Rhein in Nijmegen und der Region Köln. Wie viele seiner Kameraden wird er in seiner langen Dienstzeit eine Beziehung mit einer Frau aus der Region eingegangen sein. Vielleicht war sie die Tochter eines römischen Händlers, Siedlers oder Veteranen.

Marcia ist ein klassischer römischer Familienname und Procula ein vor allem in den germanischen und gallischen Provinzen beliebter Rufname. Einen individuellen Vornamen hatten Frauen nicht. Marcia Procula besaß jedoch, wie Celerinus, das römische Bürgerrecht. Eine Sklavin hätte er nicht heiraten können, sie besaß keine Rechtsfähigkeit. Wäre sie eine Freigelassene gewesen, hätte der Zusatz Liberti (Freigelassene des …) in der Inschrift gestanden. Wäre sie eine Peregrina gewesen, eine freie Frau, die jedoch kein römisches Bürgerrecht besaß, wie beispielsweise eine einheimische Keltin oder Germanin, hätte sie keinen römischen Familiennamen wie Marcia getragen.

Die gewählte Art der Darstellung auf dem Grabstein zeigt sie auf einem stattlichen Korb- oder Polstersessel sitzend. Während der Mann nach römischer Sitte beim Essen liegt, sitzt die ehrbare Frau aufrecht und vermittelt das klassische Rollenbild der sittsamen, treuen Matrona. Auf ihrem Schoß hält sie einen Korb mit Früchten und in der Hand Utensilien zum Wollespinnen. Das Spinnen von Wolle war in der römischen Antike das absolute Statussymbol für die ideale Hausfrau: Es signalisierte Häuslichkeit, Fleiß, Keuschheit und Wirtschaftlichkeit.

Dass Celerinus den Grabstein für sich und seine Frau zu Lebzeiten anfertigen ließ, war eine übliche, aber auch eine teure Angelegenheit. Es war aber auch ein Statement für eine gemeinsame Zukunft als angesehene Mitglieder der lokalen Oberschicht.

Eigentlich habe ich über das antike Astigi und die Objekte im Geschichtsmuseums von Écija schreiben wollen. Das mache ich jetzt in einem zweiten Teil. Webseite des Städtischen Geschichtsmuseum von Écija und auf Google Maps. Das Römisch-Germanische Museum in Köln ist seit 2018 wegen Sanierung geschlossen. Der Grabstein des Celerinus ist jedoch im Ausweichquartier im Belgischen Haus zu sehen.

2 responses to “Ein Besuch in der Heimat von Marcus Valerius Celerinus”

  1. Avatar von Judith Schewe
    Judith Schewe

    Danke für die morgenfrühe Geschichtsstunde!

    1. Avatar von Dr. Stefan Nährlich

      Einen schönen Sonntag!

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