Im Foyer des Berliner Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen stand über zehn Jahre lang eine 1,5m hohe Venusskulptur des Typs Medici aus Bronze. Die ist unbekleidet und darüber beschwerte sich vor ein paar Jahren die Gleichstellungsbeauftragte der Behörde. Außerdem hat die nackte Venus eine braune Vergangenheit: die Skulptur aus dem achtzehnten Jahrhundert gehörte einige Jahre Hermann Göring, Reichsluftfahrtminister im Nationalsozialismus und in Nürnberg verurteilter Hauptkriegsverbrecher.

Während der Zeit stand die Venusstatue in Görings brandenburgischem Landsitz Carinhall auf einem Tisch in der sogenannten Großen Halle. Damit sie nicht den Russen in die Hände fiel, wurde die Venus zusammen mit vier weiteren Statuen kurz vor Kriegsende im nahegelegenen Großdöllner See versenkt. Nach der Deutschen Einheit bargen dann Polizeitaucher die Statuen. Mit Abschluss der Restaurierung wurde die Venus Medici in der Bundesbehörde in Berlin-Weißensee aufgestellt.

Bronzekopie der Venus Medici im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig.

Nach der Beschwerde wurde ein neuer Platz für die Skulptur gesucht und gefunden. Seit 2025 befindet sich die Bronzekopie der Venus Medici nun als Leihgabe des Bundes im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Dort ist sie als Teil der Dauerausstellung im Raum 23 ausgestellt und wird als Ikone der abendländischen Antikenrezeption den Besucherinnen und Besucher präsentiert. Blickfang im diesem Raum ist ein großer Bildteppich mit dem Motiv der Schule von Athen, in dessen Zentrum die Philosophen Platon und Aristoteles stehen.

Das namensgebendes Original der Bronzestatue war aus Marmor und entstand im ersten Jahrhundert vor Christus. Im sechzehnten Jahrhundert wurde die Marmorstatue in der Nähe der Trajansthermen in Rom gefunden und gelangte in den Besitz der einflussreichen Familie Medici, aus der Herzöge, Päpste und Königinnen hervorgingen. Heute steht die Venus Medici in den Uffizien in Florenz.

Die Venus Medici bzw. ihr Typus der schamhaften Venus ist die am meisten kopierte Statue aller Zeiten mit Reproduktionen berühmter Bildhauer wie Antonio CanovaBertel Thorvaldsen und deren Schülern wie Luigi Bienaime und vielen weiteren Künstlern.

Bronzeskulptur mit Schatten der Vergangenheit.

Die Kunstverwaltung des Bundes beschreibt auf ihrer Webseite ausführlich den Werdegang der bronzenen Venusstatue. Wo sie hergestellt wurde und wie sie in den Besitz Hermann Görings kam, ließ sich jedoch nicht klären.

Die Kopie der Venus Medici ist nicht die einzige Skulptur aus der Sammlung Herrmann Görings und auch nicht die einzige Skulptur, die es schwer hat, einen Platz zu finden (und zu behalten). Über weitere solcher Statuen habe ich unter dem Titel Berlins braune Bronzen vor einigen Jahren schon einmal einen Beitrag geschrieben.

Bronzestatuen Schaber von Ephesus und Faustkämpfer vom Quirinal vor dem Berliner Olympiastadion.

Webseite des Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig und auf Google Maps. Tipp: (Nur) mittwochs hat auch die Abguss-Sammlung Leipzig geöffnet.

2 Antworten zu „Die bronzene Venus im Grassi Museum“

  1. Avatar von Schnuppe von Gwinner
    Schnuppe von Gwinner

    Interessant noch einmal all‘ die Infos zur Venus Medici anders formuliert auf Ihrem Blog nachzulesen, nachdem ich diese vor einem knappen Jahr – aus aktuellem Anlass – für den Grassi Blog zusammengetragen habe – dort nachzulesen unter https://blog.grassimuseum.de/die-geheimnisvolle-venus-medici/
    Aktuell widmet sich das GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig in seiner hochinteressanten Ausstellung „Formen der Anpassung“ dem Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus u.a. der subtilen Adaption und Vereinnahmung kulturhistorischer Phänomene im 3.Reich. Das ist spannend nachzuverfolgen und auch etwas gruselig aus heutiger Perspektive.
    Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für’s neue Jahr und den „neuen“ Blog!

    1. Avatar von Dr. Stefan Nährlich

      Liebe Schnuppe von Gwinner, vielen Dank für das freundliche Feedback und den Hinweis auf den Grassi Blog. Sehr informativ!

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