
Seit letztem Monat läuft der dritte Teil der Avatar Reihe des kanadischen Filmregisseurs James Cameron im Kino. Die zeitlose Grundstory dürfte vielen bekannt sein: böse Imperialisten dringen in die Welt eines edlen Naturvolkes ein, um es auszubeuten. Die wehren sich mit Hilfe eines Überläufers, der vom Unterdrücker zum Freiheitskämpfer wird.
Die Avatar-Filme werden oft mit der Kolonialisierung Amerikas verglichen, Antikenfreunde finden aber andere Parallelen und denken beispielsweise an die Schlacht im Teutoburger Wald in Germanien im Jahr neun. Gibt es Gemeinsamkeiten und wenn ja, wo?
Kriegsführung und Militärästhetik
Asymmetrische Kriegsführung: Die Römer (in Avatar die RDA, die Resources Development Administration) waren eine hochtechnisierte, schwer gepanzerte Armee, die auf offene Feldschlachten und den Kampf in Formationen spezialisiert war. Die Germanen (in Avatar die Na’vi) waren leicht bewaffnet, aber beweglich und attackierten auf Pandora aus dem Hinterhalt.
Das Terrain als Waffe: Die Römer tappten in Germanien in dem dicht bewaldeten und sumpfigen Terrain des Teutoburger Waldes in den Hinterhalt und konnten dort ihren Kampfstil nicht entfalten. In Avatar wird die RDA in die sogenannten Schwebenden Berge gelockt, wo ihre Sensoren und Zielsysteme wegen der Fluxwirbel versagen. Die technische Überlegenheit kommt nicht zum Tragen.
Der Festungsbau: Die Basis Hell’s Gate in Avatar erinnert an ein römisches Kastell im besetzen Gebiet. Ein stark befestigter Außenposten mit Unterkünften, Lagerhallen, Werkstätten, Waffenlagern und Übungsplätzen. Umgeben von Wildnis, gerodetem Land und Palisadenzäunen zum Schutz vor den Barbaren. Erreichbar über einen Hafen, ob Raumhafen in Avatar oder oft einen Flusshafen bei den Römern.
Disziplin und Hierarchie: RDA Colonel Miles Quaritch verkörpert den Typus des strengen römischen Zenturios oder Legaten, für den Loyalität zum Korps und Missionserfüllung über allem stehen. Wobei sich das vermutlich in allen Armeen der Welt zu allen Zeiten ähnelt. Seinen Vorname Miles kann man als Anspielung auf die römischen Legionäre verstehen, die als miles gregarius bezeichnet wurden.
Ressourcen-Gier und Romanisierung
Wirtschaftlicher Motor: Rom expandierte nicht nur aus Ruhmsucht, sondern um Ressourcen zu sichern (beispielsweise Gold und Silber aus Hispanien, Blei aus Britannien, Getreide aus Ägypten, Sklaven und Holz aus vielen Ländern). In Avatar ist es das sehr seltene und sehr wertvolle Unobtanium, dass in den Hallelujah-Bergen vorkommt und das die RDA abbauen will.
Kulturtransfer: Die Römer strebten immer an, die einheimische Bevölkerung zu romanisieren (Sprache, Bäderkultur, Bildung und mehr) und begannen bei den lokalen Eliten. Ihr Ziel waren loyale Untertanen, die sich friedlich in das Imperium Romanum integrierten. Im Film Avatar ist es die Avatar-Schule, in der die Wissenschaftlerin Dr. Augustine versucht, den Na’vi die menschliche Sprache beizubringen und kulturelle Brücken zu bauen.
ist dann Jake Sully aus Avatar der Arminius aus der Antike?

Arminius war ein germanischer Adliger aus dem Stamm der Cherusker, der als Geisel nach Rom gebracht wurde. Er wurde römisch erzogen, militärisch ausgebildet und stieg zum römischen Ritter auf. Er kannte die Taktiken und die Sprache der Römer perfekt. Er wurde zurück nach Germanien geschickt, um unter dem Kommando des Statthalters Varus zu dienen. Stattdessen wechselte er die Seiten, einte die zerstrittenen germanischen Stämme und nutzte sein Wissen über die römische Kriegsführung, um die Römer zu besiegen.
Jake Sully ist ein ehemaliger US-Marine und RDA Soldat, der in die Welt der Na’vi vordringt. Er lernt ihre Bräuche, verliebt sich in die Tochter des Stammesführers und wird einer von ihnen. Er nutzt am Ende sein militärisches Wissen über die Menschen, um die Stämme Pandoras gegen die technisch überlegenen Eindringlinge zu führen.
Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied in der Analogie: Arminius wurde als Germane geboren, Jake Sully aber nicht als Na’vi. Insofern hat sich Arminius (wieder) für sein Volk entschieden, Jake aber gegen sein Volk bzw. seine Spezies.
War es das also, oder gibt es aus der römischen Geschichte ein passendes Vorbild?
War es das also, oder gibt es aus der römischen Geschichte ein passendes Vorbild? Einen gebürtigen Römer, der die Seiten wechselt und Barbaren gegen Rom führt? Tatsächlich gibt es das. Der Mann hieß Quintus Sertorius.
Quintus Sertorius war ein römischer Feldherr und Politiker der späten Republik. Als Anhänger der politischen Strömung der Popularen floh er vor den Verfolgungen durch seine Gegner um den Konsul und späteren Diktator Sulla nach Hispanien. Dort baute er einen eigenen Staat auf. Er nutzte das schwierige Gelände Hispaniens und die Unterstützung der einheimischen Lusitaner, um sich gegen überlegene römische Truppen zu behaupten. Trotz seiner militärischen Erfolge scheiterte er und wurde von seinen eigenen Offizieren ermordet. Sertorius wird heute oft als eine tragische Figur betrachtet – ein loyaler Römer, der aufgrund der innenpolitischen Wirren zum Rebellen gegen seine eigene Heimat wurde.
Über Quintus Sertorius findet man zeitgenössische Informationen im Werk von Plutarch Große Griechen und Römer Band 5 oder – lesefreundlicher und günstiger – im historischen Roman von Colleen McCullough Günstlinge der Götter, dem dritten Band ihrer Masters of Rome-Reihe.
Mehr über die Avatar-Reihe im Kino oder im Stream. Mehr über die Schlacht im Teutoburger Wald im Museum und Park Kalkriese und beim Hermannsdenkmal.

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