
Seit Anfang des Jahres bin ich Mitglied des Vereins Freunde der Antike auf der Museumsinsel Berlin und der Eintritt in einige der Berliner Museen ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Grund genug, häufiger in meine Lieblingsmuseen auf der Museumsinsel zu gehen.
Das Neue Museum entstand zwischen 1843 und 1855 nach Plänen von Friedrich August Stüler als Erweiterung des Alten Museums, dem ersten Museumsbau auf der Berliner Museumsinsel. Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bombentreffer das Gebäude schwer, über Jahrzehnte blieb es danach eine offene Ruine. Erst nach der Deutschen Einheit wurde das Haus wieder aufgebaut, wobei die zerstörten Gebäudeteile nicht originalgetreu rekonstruiert, sondern bewusst im modernen Stil ergänzt wurden. Im Jahr 2009 öffnete das nach Plänen von David Chipperfield und Julian Harrap neugestaltete Museum nach über sechzig Jahren wieder.
Eines meines Lieblingsobjekte im Neuen Museum ist kein Artefakt, sondern ein Architekturelement: die große Treppe. Hier dominiert heller Sichtbeton vor freigelegten Ziegelwänden. Die Spuren der Zerstörung und des Alters werden nicht versteckt, sondern als Teil der Geschichte des Gebäudes und seiner Exponate inszeniert. Aktuell befindet sich an den Längswänden der 24-teilige Gemäldezyklus Dioskuren – Der geschenkte Tag des deutsch-britischen Künstlers Michael Müller. Im unteren Bereich befinden sich die historischen Gipsabgüsse antiker Friese.



Zu den bekanntesten Stücken der römischen Antike im Neuen Museum gehört der sogenannte Xantener Knabe. Die Bronzestatue wurde 1858 im Rhein bei Xanten-Lüttingen gefunden und wird in die frühe Kaiserzeit datiert, also zwischen dem Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus und dem frühen ersten Jahrhundert nach Christus. Die heutige Deutung sieht in der Figur keinen bloßen nackten Jüngling, sondern einen Träger eines Tabletts, eines sogenannten ferculum. Der Knabe gehört damit in die Gruppe der stummen Diener, die bei vornehmen römischen Gastmählern zum Einsatz kamen. Abgesehen von den Augäpfeln, dem rechten Unterarm ist die Figur recht vollständig. Das Tablett, dass er vermutlich in den Händen hielt, wurde nicht gefunden.
Meine Lieblingsstatuen stehen im neuen Südkuppelsaal des Neuen Museums. Die Kriegszerstörungen des Gebäudes waren hier so stark, dass dieser Raum bei der Wiederherstellung des Bauwerks gänzlich ersetzt werden musste. Jetzt bildet die schlichte moderne Architektur den Raum für zwei marmorne Kolossalstatuen aus Ägypten. Sie sind etwas älter als der Xantener Knabe und stammen aus der mittleren römischen Kaiserzeit.
Eine Marmorstatue zeigt eine weibliche Gottheit, vielleicht Isis-Fortuna, und enthält die Inschrift „Serapis und mit ihm verehrten Göttern“ geweiht. Der Kopf wurde in moderner Zeit ergänzt. Sie wird in die Zeit des römischen Kaisers Antoninus Pius zwischen 138 – 161 datiert und stammt wohl aus dem antiken Lykonpolis, dem heutigen Assiut in Mittelägypten. Die andere Statue stellt den Sonnengott Helios dar und stammt aus der gleichen Zeit wie die weibliche Gottheit und stand einst ebenfalls in dem Serapis-Heiligtum in Lykonpolis. Die beiden Statuen verweisen auf einen zentralen Aspekt der Kaiserzeit: auf die enge Verflechtung römischer Herrschaft mit regionalen Kulten und religiösen Bildtraditionen.
Unweit der beiden Kolossalstatuen entfernt, befinden sich in einer halbkreisförmigen Wandnische im Saal Roms Nachbarn im Norden mehrere Portraitbüsten römischer Kaiser und Barbaren. Im Mittelpunkt steht ein Kolossalbildnis von Vespasian. Das Bildnis aus dem ersten Jahrhundert wurde in moderner Zeit überarbeitet und stark ergänzt. Den ersten flavischen Kaiser zeigt keine idealisierte Darstellung, sondern mit dem Gesicht eines Mannes, der sich seinen Aufstieg in Militär und Verwaltung erarbeitet hat. Die anderen beiden Kaiser aus dem zweiten und dritten Jahrhundert sind Hadrian und Philippus Arabs. Die Barbaren sind in diesem Fall ein nicht weiter spezifizierter Nicht-Römer und ein Daker.
Die Architektur ist auch hier von der Verbindung aus restaurierten und bewusst sichtbar belassenen historischen Oberflächen geprägt: hellgraue, moderne Einbauten fassen die Nischen, dahinter ist das freigelegte Ziegelmauerwerk sichtbar. Auf dem angeschnittenen Wandpfeiler sind alte Putzschichten, Farbreste und Kritzeleien zu sehen, die bei der Restaurierung bewusst konserviert wurden.
Was fehlt hier von meinen Lieblingsobjekten?
Natürlich die ikonische Büste der ägyptischen Königin Nofretete. Der Ehefrau König Echnatons aus dem vierzehnten vorchristlichen Jahrhundert gehört der Nordkuppelsaal im Neuen Museum. Dort blickt sie entlang der Längsachse des Hauses durch mehrere Säle und schaut auf die Kolossalstatue des Sonnengottes Helios. Im Nordkuppelsaal herrschen Fotografierverbot und Schweigebot. Erst aus den angrenzenden Räumen darf die Büste der Nofretete in der großen Glasvitrine fotografiert werden.
Webseite des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel und auf Google Maps.
Danke fürs Lesen. Möge Fortuna stets mit Dir sein.
2 Kommentare zu „Das Neue Museum in Berlin: Meine Lieblingsorte“
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Leider setzt sich der kahle, auf mich persönlich nicht anziehend wirkende Stil der James Simon Galerie bei der großen Treppe fort. Erst wenn man oben angekommen ist, umfangen einen die warmen Farben des Anstrichs und der Ziegel, man sieht die Säulen und die Statuen, den Fußboden und die unverkleideten Dachelemente. Große Architekten, in diesem Fall David Chipperfield, einzukaufen, ist aus meiner Sicht nicht immer ein Gewinn. Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich nach dem Eingangserlebnis das Museum mit seinen Schätzen wirklich genießen konnte.
Viele Grüße
J. S.-
Die Treppe bildet schon einen starken Kontrast zum Haus. Harmonisch ist das nicht, für mich aber ganz passend für Berlin mit seiner Geschichte. Einladender und eleganter ist sicher das Alte Museum, vor allem die Rotunde. Ich bin gespannt, wie das Pergamonmuseum mit dem neuen vierten Flügel aussehen wird. Herzliche Grüße
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