Im antiken Rom gab es weder Glaubensbekenntnisse im heutigen Sinne noch ausgrenzende Konfessionen. Der römische Götterhimmel war flexibel, wuchs ständig und integrierte Götter aus den fernsten Provinzen. In dieser polytheistischen Welt, in der die starre römische Klassengesellschaft das öffentliche und private Leben bestimmte, bildeten sich im Untergrund Gegenwelten. Geheime Netzwerke, in denen Sklaven über freien Bürgern stehen konnten und in denen spirituelle Bewährung mehr zählte als Geld. Der Mithras-Kult war so eine Welt. Auf meiner Reise durch Hispania Baetica bin ich durch Cabra, das antiken Igabrum, gekommen, wo das bislang einzige archäologisch gesicherte Mithräum in ganz Andalusien gefunden wurde. Das Heiligtum war Teil der heute so genannten Villa del Mitra und ist im kleinen Archäologischen Museum der Stadt rekonstruiert dargestellt.

Die Calle Martín Belda in Cabra.
Museumssaal des Museo Arqueológico Municipal de Cabra.

Der Mithras-Kult war ein Mysterienkult, der sich ab dem ersten Jahrhundert schnell im Römischen Reich verbreitete. Seine Mitglieder, nur Männer, oft Soldaten, Händler, Zollbeamte und kaiserliche Sklaven, trafen sich nicht in großen öffentlichen Tempeln, sondern im Verborgenen – in meist unterirdischen Gewölben, den sogenannten Mithräen. Während der Kult beim Militär an den römischen Grenzregionen weit verbreitet war, war er in der wohlhabenden Provinz Baetica selten anzutreffen. Lediglich hier in Cabra konnte durch Grabungen einen etwa 7,2 x 2,5 Meter großer, rechteckiger Kultraum freigelegt werden. Die architektonische Struktur ist klassisch: Ein kleiner Eingang mit Stufen führt in eine Höhle (speläum), wo sich seitlich die für den Kult charakteristischen Steinbänke (podia) befinden.

Das Herzstück der Zusammenkünfte war ein Bankett. Auf seitlichen Liegebänken speisten die in den Kult Eingeweihten im flackernden Licht von Öllampen. Sie ahmten damit jenes mythische Mahl nach, das der Gott Mithras mit dem Sonnengott Sol feierte.

Was war die Glaubenslehre des Mithras-Kultes?

Mithras, auf dem Steinrelief in der beleuchteten Nische, trägt bei der Stiertötung die typische orientalische Kleidung mit der phrygischen Mütze. Von oben links blickt der Sonnengott Sol mit dem goldenen Strahlenkranz auf das Geschehen herab und steht in enger mythologischer Verbindung zu Mithras. Oben rechts ist die Mondgöttin Luna, erkennbar an der Mondsichel hinter ihren Schultern. Das Beisein von Sol und Luna symbolisiert, dass das Opfer des Mithras das gesamte Universum betrifft. Zwischen ihnen, als bärtige Figur gemalt, thront oft Jupiter oder Saturn, was die Einbettung des Rituals in die höchste göttliche Ordnung des Universums unterstreicht. Zwischen Sol und Mithras fliegt ein Rabe (Corvus). Er fungiert als Bote, der Mithras den göttlichen Befehl von Sol überbringt, den Stier zu töten. Links und rechts der Felsnische stehen die beiden Begleiter Mithras‘, Cautes und Cautopates. Sie repräsentieren mit ihren nach oben und nach unten gehaltenen Fackeln den kosmischen Zyklus. Cautes steht für das Licht, den Sonnenaufgang, den Morgen und den Frühling (das erwachende Leben), Cautopates symbolisiert die Dunkelheit, den Sonnenuntergang, den Abend und den Herbst (das vergehende Leben). Direkt unter der Nische befindet sich ein gerahmtes Fresko: Zwei ineinandergreifende rechte Hände. Dies ist ein zentrales Motiv des Kultes. Es steht einerseits für das Bündnis, das Mithras und der Sonnengott Sol nach der Stiertötung schlossen. Andererseits symbolisiert es das soldatische Ethos der Gemeinde: Treue, Kameradschaft und die verschworene Bruderschaft der Gläubigen untereinander.

Auch wenn in einer solchen Bruderschaft nicht die gleiche Hierarchie wie in der römischen Gesellschaft herrschte, waren nicht alle Mitglieder gleich. Innerhalb einer Mithras-Gemeinde gab es sieben Weihegrade: Rabe (Corvus), Bräutigam (Nymphus), Soldat (Miles), Löwe (Leo), Perser (Perses), Sonnenläufer (Heliodromus) und Vater (Pater). Die Forschung geht davon aus, dass nicht jeder Anhänger zwingend alle sieben Stufen durchlief; diese Grade dienten vor allem der sozialen Differenzierung innerhalb der Kultgemeinschaft, wobei die meisten Mitglieder vermutlich in den unteren Graden verblieben.

Das im Archäologischen Museum der Stadt rekonstruierte Mithräum gehörte einst zu einer römischen Landvilla. Einige weitere Objekte aus der Villa del Mitra sind heute im Hauptsaal des Museums ausgestellt. Schön zu sehen sind die massiven Säulen und die Präsentationssockel aus dem berühmten Roten Marmor von Cabra. Eigentlich kein echter Marmor, sondern eine Kalksteinart, wurde er bereits in der Antike abgebaut und war stark nachgefragt. Eine gut erhaltene und teilweise ergänzte Marmorstatue zeigt den jugendlichen Gott des Weines und der Ekstase, Dionysos. Sein Kopf ist mit Weinlaub bekränzt, er stützt sich auf seinen Thyrsosstab und hält ein antikes Trinkgefäß (Kantharos) in der rechten Hand.

Zentral für den Mithras-Kult ist die Skulptur der Stiertötung, deren Entdeckung im Jahr 1951 der Villa del Mitra ihren Namen gab. Sie zeigt den Gott im Moment des lebenspendenden Opfers. Das Original ist im Archäologischen und Ethnologischen Museum von Córdoba ausgestellt. Eine weitere Skulptur zeigt den Knaben Eros (Cupido), der einen Hasen umfasst. Die Figur diente einst als Brunnenskulptur in den oberen Residenzräumen der Villa – das Wasser floss direkt aus dem Maul des Hasen.

Das Mithräum in der Villa del Mitra war kein öffentlicher Tempel, sondern ein privater Rückzugsort für den Villenbesitzer und sein soziales Umfeld. Gleichzeitig war die Mithras-Gemeinde in Cabra Teil eines reichsweiten Netzwerks von Gläubigen. Wer als Eingeweihter in einer anderen Stadt initiiert worden war, konnte dank der überall identischen Symbole und Rituale auch in Igabrum als Bruder am Bankett teilnehmen. Man geht davon aus, dass nicht nur die Glaubenslehre des Mithras-Kultes für bestimmte Bevölkerungs- und Berufsgruppen attraktiv war, sondern die Beliebtheit gerade bei räumlich mobilen Gruppen auf diesen Netzwerk-Charakter zurückzuführen ist. Wer die geheimen Rituale durchlaufen hatte, fand in den Mithräen von den Wüsten Syriens bis zum Hadrianswall in Schottland sofortigen sozialen Anschluss, verlässliche Partner und eine verschworene Ersatzfamilie.

Webseite des Städtischen Archäologischen Museums von Cabra und auf Google Maps sowie die Webseite der Villa del Mitra und auf Google Maps.

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