
Acilia Plecusa lebte in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Singilia Barba, nahe dem heutigen Antequera in der spanischen Provinz Andalusien. Sie kam als Sklavin zur Welt und befand sich im Besitz eines der einflussreichsten Aristokraten der Region, Manius Acilius Fronto. Dieser gehörte dem römischen Ritterstand an und bekleidete das Amt eines Praefectus Fabrum. Zu der Zeit war dies wohl mehr eine Funktion im Stabsdienst als ein militärisches Kommando über die Pioniere einer Armeeeinheit. Vielleicht war es auch eine militärisch-zivile Position, verbunden mit dem Collegium der städtischen Handwerker. Während ihrer Zeit als Sklavin brachte Plecusa einen Sohn namens Phlego zur Welt, dessen biologischer Vater vermutlich ihr Besitzer Fronto war.
Ob aus Liebe oder um den rechtlichen Status seines Sohnes zu korrigieren, entschied sich Manius Acilius Fronto, Plecusa offiziell freizulassen und zu heiraten. Als Liberta nahm sie den Gentilnamen ihres ehemaligen Herrn an und hieß fortan Acilia Plecusa. Durch die Ehe wurde aus der Sklavin eine respektierte römische Ehefrau. Ihr als uneheliches Kind und als Sklave geborener Sohn Phlego wurde ebenfalls freigelassen, stieg später in die lokale Aristokratie auf, wurde Mitglied des Stadtrates und bekleidete Priesterämter in der Nachbarstadt Osqua. Ihre Tochter Acilia Septumina wurde bereits in die Ehe geboren und besaß von Geburt an die vollen römischen Bürgerrechte. Der Stadtrat von Singilia Barba ehrte die Tochter später mit einer eigenen Statue, was durch eine Inschrift überliefert ist, die sich im Städtischen Museum von Antequera befindet.



Nach ihrer Heirat erlebte Acilia Plecusa einen beispiellosen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Sie erbte oder erwirtschaftete ein beträchtliches Vermögen, das es ihr erlaubte, als Wohltäterin in Singilia Barba aufzutreten. Zu ihrem einflussreichen Netzwerk gehörten höchste politische Kreise der Provinz Hispania Baetica. Sie stiftete eine Statue für einen hochrangigen kaiserlichen Finanzbeamten, die auf dem Forum von Singilia Barba aufgestellt war. In der Inschrift auf der Statuenbasis bezeichnet sie ihn als ihren besten Freund. Auch dessen Ehefrau ehrt Acilia Plecusa mit einer Statue und nennt sie in der Inschrift hervorragende Freundin.
„Für Publius Magnius Rufus Magonianus, Sohn des Quintus, aus dem Stimmbezirk Quirina, Militärtribun der 4. Legion, kaiserlicher Prokurator des Augustus für die 20-prozentige Erbschaftssteuer (Vicesima Hereditatium) in Hispania Baetica und Lusitania. Ebenfalls kaiserlicher Prokurator des Kalendariums Vegetianum in der Baetica und Prokurator mit einem Gehalt von 200.000 Sesterzen (Ducenarius) des Augustus in derselben Provinz Baetica. Acilia Pleusa (sic!) widmete und schenkte diese Statue ihrem besten und um die Provinz stets verdienten Freund, wobei sie die Kosten übernahm.“
Auch auf den anderen beiden Inschriftensteinen in diesem Beitrag wird Acilia Plecusa genannt. In der Widmung auf dem mittleren Foto ehrt sie ihren Ehemann, in dem Text auf dem rechten Foto wird sie als Spenderin genannt.
„Für [Manius Acilius Fronto], Sohn des Manius, aus dem Stimmbezirk Quirina, Bürger von Singilia Barba, Präfekt der Fabri. Acilia Plecusa hat (dieses Denkmal) ihrem Patron (ehemaligen Herrn) und Ehemann gegeben und gewidmet.“ und „Für Acilia Septumina, Tochter des Manius, aus Singilia Barba. Auf Dekret der Dekurionen (Stadträte). Ihre Mutter Acilia Plecusa hat, nachdem sie diese Ehre dankend angenommen hatte, die entstandenen Kosten (für die Statue) zurückerstattet.“
Natürlich war Acilia Plecusa nicht die einzige Wohltäterin ihrer Stadt. In dem kleinen Lapidarium im städtischen Museum von Antequera sticht eine Inschrift durch ihre schiere Länge hervor. Das hat den antiken Steinmetz sicher besonders herausgefordert. Die Buchstaben sind ab der Mitte des Steins deutlich kleiner und enger zusammengerückt, um den gesamten Text auf der Vorderseite unterzubringen. Dafür erfährt man aber auch viel:
„Für Marcus Valerius Proculinus, Sohn des Marcus, Enkel des Marcus, Urenkel des Gaius, aus dem Stimmbezirk Quirina, Duumvir [einer von zwei Bürgermeistern] des freien Municipiums Singiliense. Die Bürger und Einwohner errichteten ihm diese Statue durch öffentliche Spendensammlung. Dieser bot während seines Duumvirats öffentliche Spiele an und stellte während der gleichen Anzahl von Tagen private Spiele bereit. Ebenso berief er die Gesamtheit der Bürger und Einwohner des Municipiums zu kostenlosen Bädern und Salbölen ein. Zudem beschenkte er am selben Tag die Jugend mit Spielen im Theater und im Gymnasium für Männer und Frauen und gewährte ihnen freien Eintritt zu den Bädern. Ihm widmeten die Bürger und Einwohner am Tag vor den Kalenden des Januars [31. Dezember] zum Abschluss seiner Amtszeit als Duumvir für die hervorragende Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten auf gemeinsamen Beschluss aller im Forum ihren Dank und schenkten ihm die Opfertiere für die Durchführung der Opferungen. Ebenso widmeten sie ihm durch öffentliche Spendensammlung eine Statue. Der Stadtrat des Municipiums erlaubte ihm per Dekret, den Standort hierfür selbst zu wählen. Während seines Duumvirats waren Aulus Cornelius Palma Frontinus (zum zweiten Mal) und Publius Calvisius Tullius Ruso (zum ersten Mal) Konsuln [Jahr 109 n. Chr.].“
Das sehenswerte Museum von Antequera besitzt neben den Inschriften eine wohlbekannte Bronzestatue. Sie stammt aus dem ersten Jahrhundert und wurde in einer römischen Villa im Stadtgebiet gefunden. Die von einem griechischen Original inspirierte Statue zeigt einen nackten Jüngling, wohl einen siegreichen Athleten. Er könnte in seinen Händen eine Girlande aus Blumen und Früchten getragen haben oder einen Leuchter, und bei Empfängen und Gastmahlen sowohl eine dekorative als auch praktische Funktion erfüllt haben. Der Efebo aus Antequera könnte durchaus der andalusische Zwillingsbruder des Xantener Knaben im Neuen Museum in Berlin sein.
Neben der Bronzestatue enthält der Saal im Museum von Antequera zahlreiche kleine und kleinere Objekte, die teils zusammen mit anschaulichen Illustrationen präsentiert werden. Beispielsweise ein römisches Glasfläschchen, in dem wohlriechende Öle, Parfüm oder Salben aufbewahrt wurden. Ganz besonders ist die Büste des Alexander des Großen aus griechischem Marmor. Noch Jahrhunderte nach seinem Tod verehrten viele reiche Römer und Feldherren den berühmtesten König von Makedonien als militärisches und politisches Idol und schmückten ihre Häuser und Innenhöfe mit seinen Büsten oder Statuen. Zugleich verweisen solche Objekte auch auf den Wohlstand ihrer Besitzer.
Solche Gebrauchs- und Kunstgegenstände werden wohl auch zum Haushalt der Acilia Plecusa gehört haben. Bei einem der ausgestellten Stücke ist das sogar gesichert. Das schöne Mosaik-Fragment aus wertvollem, gemustertem Marmor, das einen Pfau oder Wasservogel darstellt, stammt aus dem Mausoleum der Familie der Acilii. Es schmückte die letzte Ruhestätte, die Plecusa für sich, ihren Mann Fronto und ihre Kinder errichten und prunkvoll ausstatten ließ. Auch die originalgetreue Rekonstruktion der Überreste der Grabkammer sind im Museum zu sehen.

Das über Generationen hinweg als Familiengrab genutzte Mausoleum wurde 1993 überraschend bei Rettungsgrabungen im Umland des antiken Singilia Barba während des Baus der Eisenbahnstrecke entdeckt. An den Seitenwänden links und rechts sind kleine, rundbogige Nischen im Mauerwerk. Diese dienten zur Aufnahme von Aschenurnen. Im Zentrum des Raumes steht ein schwerer, steinerner Trog mit einer teilweise zerbrochenen Abdeckplatte. Hierbei handelt es sich um eine Körperbestattung, die meist den wichtigsten Familienmitgliedern vorbehalten war – gut möglich, dass hier die Überreste von Acilia Plecusa oder ihrem Gatten Fronto lagen.
Webseite des Museo de la Ciudad de Antequera (MVCA) und auf Google Maps.













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