
Die Statue wurde während der ersten systematischen Ausgrabungen im Zentrum von Brescia, dem antiken Brixia, in Norditalien gefunden. Bei archäologischen Untersuchungen des einstigen römischen Forums wurde das Capitolium freigelegt. Der antike Haupttempel der Stadt war im Jahr 73 unter Kaiser Vespasian geweiht worden. Am 20. Juli 1826 stießen die Ausgräber auf einen Hohlraum zwischen zwei Mauern des Tempels. Darin fanden sie die Vittoria Alata und weitere Bronzeobjekte, darunter vergoldete Kaiserporträts. Man geht heute davon aus, dass die Statue im vierten oder fünften Jahrhundert dort versteckt wurde. Vielleicht, um sie vor der Zerstörung durch fanatische Christen zu schützen, nachdem unter Kaiser Theodosius alle heidnischen Kulte im Römischen Reich verboten wurden. Oder um sie vor dem Zugriff germanischer Stämme und Hunnen zu bewahren, die während der Völkerwanderung plündernd durch die Region zogen und die Bronzeobjekte vermutlich zur Waffenproduktion eingeschmolzen hätten. Wer weiß. Jedenfalls dauerte es weit mehr als 1000 Jahre, bis die antike Siegesgöttin wieder ans Tageslicht kam.
Ein frühes Foto der bronzenen Victoria zeigt sie 1920/1923 inmitten von Handwerkern, Restauratoren und Museumsmitarbeitern, als sie nach der Evakuierung im Ersten Weltkrieg wieder in das römische Capitolium von Brescia zurückgebracht wurde. Die Männer im Bild posieren stolz mit dem wiedergekehrten Wahrzeichen ihrer Stadt. Die Flügel sind noch nicht wieder anmontiert und auch der runde Schild fehlt. Auf einer älteren Fotografie aus dem Zeitraum zwischen 1855 und 1919 hat die Vittoria Alata noch einen Schild in den Händen und sieht so aus, wie sie im neunzehnten Jahrhundert dem Publikum präsentiert wurde.

Die Victoria von Brescia ist eine der ganz wenigen großformatigen Bronzestatuen aus der Antike, die fast unversehrt bis in die Gegenwart überdauert haben. Die meisten Bronzen wurden später eingeschmolzen, um das wertvolle Metall für Münzen, Kanonen oder Werkzeuge wiederzuverwenden.
Heute, zum 200. Jubiläum ihrer Wiederentdeckung, steht die Victoria von Brescia erneut dort, wo sie vor 2000 Jahren erstmalig aufgestellt wurde: im östlichen Teil der Cella des Capitoliums in Brescia. Nach der Zwischenstation im städtischen Museum San Salvatore-Santa Giulia thront die Siegesgöttin nun in einem neugestalteten Saal auf einem erdbebensicheren Sockel zwischen hellen Ziegelwänden. Der Saal gehört ihr allein, bis auf ein paar Kleinteile. Sehr sehenswert und auch als Tagestrip von Rom aus noch machbar.

Lange Zeit galt die Victoria von Brescia als umgearbeitetes hellenistisches Original einer Venusstatue, der man später Flügel ansetzte. Heute ist jedoch durch die Untersuchungen während der Restaurierung vor einigen Jahren zweifelsfrei belegt, dass sie eine bewusste, durch und durch römische Neuschöpfung ist. Die römischen Künstler übernahmen ganz bewusst die Formensprache der berühmten hellenistischen Aphrodite von Capua. Sie nutzten die klassische Pose der Liebesgöttin, die ihr Spiegelbild im Schild des Kriegsgottes Ares betrachtet, um etwas völlig Neues zu schaffen. Technisch repräsentiert die Statue den Höhepunkt des römischen Großbronzegusses. Besonders der virtuose Faltenwurf der Kleidung und die exakte anatomische Balance belegen die außergewöhnliche Qualität der Werkstatt, die vermutlich direkt in Norditalien angesiedelt war.
Durch die Integration der großen Flügel und die veränderte Funktion des Schildes wurde das Motiv umgedeutet. Aus der Liebesgöttin wurde die Siegesgöttin Victoria. Sie spiegelt sich nicht mehr, sondern schreibt (fiktiv) die Namen der Sieger oder kaiserlichen Triumphe auf den Schild, während ihr linker Fuß auf einem besiegten Helm ruht. Stellt man die Bilder der Aphrodite von Capua aus dem Archäologischen Nationalmuseum in Neapel und die Victoria von Brescia (hier als dunkel patinierter Gipsabguss) in der vollständigen Rekonstruktion mit Flügeln und einem Schild aus der Archäologischen Sammlung der Universität Zürich nebeneinander, fallen die Gemeinsamkeiten sofort auf.
Die sogenannte Perge Aphrodite hält einen Schild wie einst die Aphrodite von Capua. Hier jedoch wird dem Betrachter eine Inschrift auf dem Schild entgegengehalten. Die Statue wurde 1981 bei Ausgrabungen im türkischen Perge gefunden. In ihrer Haltung, Kleidung und ihren Körperproportionen ist die Statue eine römische Kopie der hellenistischen Aphrodite von Milo, die heute im Pariser Louvre ihren Platz gefunden hat. Die Perge Aphrodite hält einen Schild in ihrer linken Hand, auf dem eine griechische Inschrift steht. Übersetzt lautet sie: Claudios Peison hat dies gestiftet. Sie wurde in den sogenannten Südthermen von Perge gefunden.
Im zeitgenössischen Kontext erfüllte die Statue vor allem eine klare politische Funktion. Mit der Weihe des Capitoliums unter Kaiser Vespasian verkörperte sie den militärischen Erfolg Roms und die Legitimation der neuen flavischen Dynastie. Das war nicht das letzte Mal. 1762 Jahre später schmückt eine gusseiserne Version der Victoria von Brescia einen Soldatenfriedhof aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Die Siegermächte Russland, Preußen und Österreich nutzten das Denkmal, um die alte monarchische Ordnung und den Triumph über die Revolution zu feiern.

Auf einem zwölf Meter hohen gusseisernen Obelisken in Tschechien steht seit 1835 eine größere Nachbildung der Statue der römischen Siegesgöttin. Victoria von Brescia erinnert hier an den Tod russischer Soldaten in Přestanov, die mit Preußen und Österreichern gegen Napoleon kämpften.
Webseite der Stiftung Brescia Museen und Capitolium von Brescia auf Google Maps.
Danke fürs Lesen. Möge Fortuna stets mit Dir sein.
2 Kommentare zu „Vor 200 Jahren wurde die Victoria von Brescia gefunden“
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Lieber Stefan Nährlich, vielen Dank für diesen schönen Sonntagmorgengruß. Es war mir wieder ein Vergnügen und gelernt habe ich natürlich viel. Wie immer, viele Grüße von Judith Schewe
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Herzlichen Dank liebe Judith Schwewe, das freut mich. Einen guten Start in die Woche wünscht Stefan Nährlich
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