
Livia Drusilla, Sie sind 86 Jahre alt, Witwe des Augustus, Mutter des Kaisers. Wenn man Sie heute nach Ihrem Beruf fragte: Was würden Sie antworten?
Ich würde sagen: Ich verwalte ein Haus. Wer Rom kennt, weiß, dass das keine kleine Aufgabe ist.
Das klingt bescheiden.
Nein. Es klingt genau. Ein Haus besteht aus Menschen, Vermögen, Erinnerungen, Loyalitäten, Verpflichtungen. Das gilt für eine Familie, erst recht für die domus Augusta. Wer nur nach Ämtern fragt, versteht Macht nicht.
Sie hatten nie ein Amt wie ein Konsul oder Statthalter. Trotzdem galt und gilt Ihr Wort als politisch erheblich. Ist das der eigentliche Kern Ihrer Laufbahn: Einfluss ohne Amt?
Das ist Ihre Formulierung. In Rom haben Männer Ämter. Frauen haben Herkunft, Ehe, Kinder, Vermögen, Klienten, Erfahrung. Daraus entsteht ebenfalls Verantwortung. Ich habe nie eine Legion geführt und nie im Senat gesprochen. Aber ich habe zugehört, vermittelt, gewarnt, geraten. Wer das für unpolitisch hält, kennt Politik nur von der Vorderseite.
Sie waren mit Augustus mehr als fünfzig Jahre verheiratet. War das eine Liebesgeschichte oder ein politisches Bündnis?
In unserer Schicht ist diese Trennung modern. Eine Ehe kann Zuneigung enthalten und dennoch Ordnung schaffen. Augustus und ich haben einander vertraut. Das ist in der Politik mehr wert als vieles, was Dichter Liebe nennen.
Augustus ließ sich von Ihnen beraten?
Er ließ sich von vielen beraten. Von den Lebenden, von den Toten, von Beispielen, von Niederlagen. Ich war eine Stimme unter denen, die er hören wollte.
Eine besonders einflussreiche Stimme.
Vielleicht. Aber Einfluss ist kein Siegelring, den man vorzeigt. Er wirkt nur, solange andere ihn anerkennen.
Ihre Kritiker sagen: Sie hätten die Nachfolge zugunsten Ihres Sohnes Tiberius gelenkt.
Meine Kritiker leben gut davon, dass sie aus jedem Todesfall einen Plan machen. Tiberius war kein Knabe, der durch die Hintertür hereingetragen wurde. Er hatte Kriege geführt, Provinzen geordnet, Niederlagen gesehen, Gehorsam gelernt. Rom brauchte keinen Liebling, sondern jemanden, der die Last tragen konnte.
Aber Augustus hatte andere mögliche Erben: Marcellus, Agrippa, Gaius, Lucius, Agrippa Postumus. Am Ende blieb Tiberius. Das wirkt aus heutiger Sicht auffällig.
Aus heutiger Sicht wirkt vieles einfach, weil die Toten nicht mehr widersprechen. In unserer Zeit war nichts einfach. Krankheiten, Unglücke, Charaktere, politische Gefahren — all das ordnet keine Mutter allein. Wer glaubt, ich hätte das Schicksal wie eine Haushaltsrechnung geführt, überschätzt mich und unterschätzt die Götter.

Tiberius regiert seit vierzehn Jahren. Ihr Verhältnis gilt als schwierig.
Mütter und Söhne sind selten einfache Staatsformen.
Das ist eine ausweichende Antwort.
Es ist eine römische Antwort. Tiberius ist Princeps. Ich bin seine Mutter. Beides ist wahr. Es wäre töricht, so zu tun, als gäbe es darin keine Spannung.
Er lebt seit Jahren nicht mehr dauerhaft in Rom. Viele sagen, auf Capri werde regiert — oder eben nicht regiert.
Rom ist nicht nur dort, wo der Kaiser schläft. Der Senat tagt, die Beamten arbeiten, die Provinzen senden Berichte, die Steuern werden erhoben. Natürlich wünschen viele die sichtbare Gegenwart des Princeps. Aber auch Augustus war nicht jeden Tag an jedem Ort, an dem seine Entscheidung wirkte.
Der Name Sejanus fällt inzwischen häufiger als der des Kaisers. Beunruhigt Sie das?
Mich beunruhigt jeder Mann, der zu schnell unentbehrlich wird.
Das ist deutlich.
Nein. Das ist allgemein. Rom hat eine lange Erfahrung mit Männern, die behaupten, nur Diener zu sein.
Haben Sie Einfluss auf Tiberius in dieser Frage?
Ein Sohn hört seine Mutter selten dann, wenn sie recht hat. Später erinnert er sich daran.
Sie sprechen von Macht als Pflicht. Ihre Gegner sprechen von Macht als Intrige. Wo liegt die Grenze?
Bei der Absicht und bei der Ordnung, die danach zurückbleibt. Intrige zerstört Institutionen, um Personen zu erhöhen. Klugheit schützt Institutionen, auch wenn Personen dabei gekränkt werden. Aber ich weiß: Für den, der verliert, heißt beides Intrige.
Sie wurden zu Lebzeiten als Vorbild weiblicher Tugend inszeniert: Ehefrau, Mutter, Hausherrin, Priesterin des Andenkens an Augustus. War dieses Bild echt oder politisches Theater?
Jedes öffentliche Bild ist geordnet. Auch Ihres, wenn Sie schreiben. Sie wählen aus, setzen an den Anfang, was wirken soll, lassen anderes weg. Ich habe die Rolle der römischen matrona ernst genommen. Aber eine Rolle ist nicht deshalb falsch, weil sie sichtbar gespielt wird.
Was durfte eine Frau Ihrer Stellung nicht zeigen?
Eile. Zorn. Bedürftigkeit. Und den Wunsch, recht zu behalten.
Und was durfte sie zeigen?
Beständigkeit. Maß. Erinnerung. Großzügigkeit. Trauer, aber nicht zu viel davon.
Klingt nach Disziplin bis zur Selbstverleugnung.
Klingt nach Rom.
War Augustus wirklich der Wiederhersteller der Republik, als der er sich darstellen ließ?
Er hat dem Bürgerkrieg ein Ende gesetzt. Wer die Jahre vorher erlebt hat, fragt weniger rein nach Begriffen. Republik, Monarchie, Prinzipat — das sind Namen. Entscheidend war: Hören die Proskriptionen auf? Kommen die Soldaten zur Ruhe? Können Familien wieder Besitz vererben? Werden Gesetze befolgt? Augustus gab darauf eine Antwort.

Aber er sammelte Macht in einer Hand.
Ja. Und diese Hand war nach Jahrzehnten der Gewalt vielen lieber als tausend Hände mit Dolchen.
Würden Sie sagen, Rom war unter Augustus freier?
Freier wovon? Von Angst vor Bürgerkrieg: ja. Freier im alten aristokratischen Sinn: nein. Jede Ordnung nimmt etwas und gibt etwas. Die Frage ist, wer die Rechnung bezahlt.
Sie selbst mussten früh bezahlen: Flucht, Bürgerkrieg, Scheidung, neue Ehe mit Octavian, während Sie schwanger waren. Wie blickt man nach so vielen Jahrzehnten auf diesen Anfang zurück?
Nicht sentimental. Ich war jung, aber nicht ahnungslos. Unsere Welt war hart. Familien überlebten, indem sie Entscheidungen trafen, die später wie Zumutungen aussehen. Ich habe gelernt, dass Würde nicht bedeutet, unberührt zu bleiben. Würde bedeutet, nach einer Zumutung noch handeln zu können.
Haben Sie Augustus geliebt?
Ja.
Das sagen Sie ohne Einschränkung.
Warum sollte ich bei dieser Frage vorsichtiger sein als bei der nach Sejanus?
Weil Liebe in politischen Ehen oft als Dekoration erscheint.
Dann unterschätzen Sie politische Ehen. Gerade dort, wo viel berechnet wird, erkennt man Vertrauen sehr genau.
Was war Augustus privat für ein Mensch?
Aufmerksamer, als seine Statuen vermuten lassen. Kontrollierter, als seine Freunde manchmal ertrugen. Er konnte charmant sein, sparsam, eitel, geduldig, gnadenlos. Menschen, die Geschichte machen, sind selten aus einem Stück.
Und Tiberius?
Pflichtbewusst. Empfindlich gegen Schmeichelei und dennoch von ihr umgeben. Fähig zur Härte, auch gegen sich selbst. Kein Mann für Spiele im Licht.
Ist das eine Verteidigung?
Es ist eine Beschreibung.
Sie haben Drusus, Ihren jüngeren Sohn, früh verloren. Wird sein Name in der öffentlichen Erinnerung von Tiberius und Augustus verdrängt?
Mütter führen andere Archive als Historiker. Drusus hatte Leichtigkeit, Mut, Ansehen. Er fehlt in den Dingen, die man nicht auf Inschriften setzt: in Blicken, in Räumen, in Gesprächen, die nicht stattgefunden haben.
Sie sprechen fast nie über Schmerz, ohne ihn sofort zu ordnen.
Ungeordneter Schmerz ist eine zweite Niederlage.
Was halten Sie vom Senat?
Er ist voller Männer, die sich an Freiheit erinnern und Sicherheit genießen. Das macht sie nicht verachtenswert. Nur vorsichtig.
Braucht Rom noch den Senat?
Rom braucht Formen. Ohne Formen wird Macht nackt. Nackte Macht hält nicht lange, auch wenn sie zunächst stark aussieht.
Könnte eine Frau Rom regieren?
Eine Frau kann Besitz verwalten, Bündnisse knüpfen, Karrieren ermöglichen, Konflikte entschärfen, religiöse Pflichten erfüllen, Erinnerungspolitik betreiben und einem Kaiser widersprechen. Wenn Sie das Regieren nennen: ja. Wenn Sie meinen, sie solle im Senat sitzen, Imperium tragen und Legionen befehligen: Rom würde sagen nein.
Und Sie?
Ich würde sagen: Rom sagt vieles, bevor es sich später daran gewöhnt.
Das klingt fast modern.
Nein. Es klingt alt. Jede Ordnung hält sich für natürlich, bis sie sich ändert.
Was möchten Sie nicht über sich lesen?
Dass ich nur Mutter war. Oder nur Ehefrau. Oder nur ehrgeizig. „Nur“ ist ein schlechtes Wort für ein langes Leben.
Und was wäre gerecht?
Dass ich die Möglichkeiten meiner Zeit genutzt habe, ohne so zu tun, als gehörte mir die Zeit.
Letzte Frage: Was bleibt von Augustus’ Werk?
Das hängt weniger von Augustus ab als von denen, die seinen Namen benutzen. Ein Gründer kann eine Ordnung hinterlassen. Er kann nicht verhindern, dass Erben daraus Besitz machen.
Und was bleibt von Ihnen?
Vielleicht ein Haus, das länger steht, als manche Männer ertragen.
ENDE

meine ki interviews
Im Juli 2023 habe ich zum ersten Mal ein KI generiertes Interview mit einer Persönlichkeit aus der Römischen Antike erstellt. In den Jahren 2024 und 2025 habe ich das mit anderen Figuren der Geschichte wiederholt. Auch, um zu sehen und zu zeigen, ob und welche Fortschritte die Künstliche Intelligenz macht. Dabei geht es um die Generierung von Text, Bild, Audio und Video. Mein Versuchsaufbau ist dabei immer gleich: Es muss einfach und mit den gängigen KI-Modellen möglich sein, ohne Nachbearbeitungen oder Korrekturen. Der Output sollte weitgehend historisch korrekt und in sich schlüssig sein und über eine gewisse intellektuelle Inspirationsfähigkeit verfügen.
text und bild
Das waren meine Prompts in ChatGPT Plus im Juni 2026: „Führe ein Interview mit Livia Drusilla im Jahr 28. Es soll in der Art und Weise moderner Interviews überregionaler Printmedien im Deutschland des 21. Jahrhunderts geführt werden.“ Danach habe ich noch die Bilder erstellen lassen: „Welche der Büsten oder Statuen von Livia sollten das Interview illustrieren und an welchen Stellen eingefügt werden?“ und „Verwende die vorgeschlagenen Büsten und Statuen, um Bilder der Livia zu erstellen. Lebendig und fotorealistisch mit passendem Hintergrund. Alle im Format 1:1 bis auf das „Aufmacher“-Bild, das im Format 1800:800px.“ ChatGPT hat automatisch die für die Aufgabenstellung notwendigen Modelle eingesetzt und auf Nachfrage angegeben: „GPT-5.5 Thinking“ und „ChatGPT-Bildgenerierung, konkretes Backend-Modell nicht sichtbar“, aber hat wohl das seit April eingebaute ChatGPT Images 2.0 verwendet.
Audio
Das von ChatGPT generierte Interview habe ich als Worddatei bei ElevenLabs hochgeladen und mit dem neusten Sprachmodell Eleven V3 umwandeln lassen. Für den Part des Interviewers habe ich die Stimme „Robert erklärt mit Betonung“ ausgewählt, für Livia musste ich eine Stimme erstellen („Stimme einer vornehmen alten Frau, native german“), da in der Stimmbibliothek keine Beispiele alter Frauen vorhanden waren. Technisch basiert auch diese Stimme auf dem V3 Modell. Mit diesem kann man manuell auch Emotionen (z.B. lachen, laut, wütend) und Regieanweisungen (z.B. Pause, Akzent, andere Sprache) in den Text einfügen, die dann bei der Sprachumwandlung entsprechend berücksichtigt werden. Darauf habe ich aber verzichtet und warte lieber darauf, dass die KI dies aus dem Kontext erkennt und eigenständig umsetzt. Das Coverbild für die Verwendung der Audiodatei als YouTube-Video habe ich manuell mit dem Grafiktool Canva erstellt und mit der Videobearbeitungsanwendung Filmora zusammengebaut. Wenn man das öfters macht und nur Vorlagen anpassen muss, geht das gegenwärtig so noch schneller als mit der KI.
Video
Erstmalig habe ich ein Video mit der KI für einen Blogbeitrag generiert. Da Videoclips mit Sprachausgabe zurzeit in der Länge von lediglich zwischen 5 und 10 Sekunden erstellt werden können und in den günstigen Abonnements auch knapp limitiert sind, habe ich es bei einem Trailer für das Interview gelassen. Er besteht aus drei achtsekündigen Clips. Da ich noch ein Google Gemini Abo One hatte, habe ich die Video-KI Veo 3.1 Fast verwendet. ChatGPT hat dafür die drei Prompts geschrieben: „Erstelle einen Trailer für YouTube, um das Interview zu bewerben und anzukündigen. In dem Video soll Livia sprechen und Teile aus dem Interview auf Deutsch (native speaker) wiedergeben. Das Interview wird auf dem Blog „Das Erbe Roms“ am 5. Juli 2026 erscheinen. Erstelle die Prompts für 3x 8sec. Videos mit Google Veo“. Anschließend habe ich die Anweisungen in Google Gemini eingeben, „Video erstellen“ ausgewählt und das hier im Beitrag verwendete Kopfbild als Referenz hochgeladen. Dabei kam mir die Idee, die Datumsangabe zeitgenössisch zu formulieren („zwei Tage vor den Nonen des Juli“), was ich im Prompt noch eingegeben habe. Einmal habe ich die KI die Position Livias in einem Videoclip ändern lassen, damit sie nicht bei beiden Statements sitzen sollte. Zum Schluss hat mir ChatGPT noch die Texteinblendungen als Grafikdateien mit transparentem Hintergrund erstellt und ich habe alles in Filmora zusammengefügt und mit einem Standard-Outro abgeschlossen.
mein fazit
Inzwischen antwortet die KI nicht nur auf meine Fragen, sondern wählt auch die Fragen aus. Ich hätte andere Fragen gestellt, finde aber die Fragen und die Antworten durchaus inspirierend. Mir hat es Spaß gemacht, das Interview zu lesen. Die Erstellung von Bildern hat inzwischen einen großen Fortschritt gemacht. Während die Text-zu-Bild KI-Modelle inzwischen auch ziemlich textsicher sind und keine wirren Zeichen mehr erfinden, ist das bei den Text-zu-Video KI-Modellen noch nicht der Fall. ChatGPT hatte zurecht empfohlen, das lieber getrennt umzusetzen. Auch die Sprachausgabe sitzt noch nicht bei den KI-Modellen aller Anbieter und klappt auch nicht immer zu 100 Prozent. Insgesamt geht die Entwicklung weiter zu multimodalen KI-Systemen, die verschiedene Datentypen wie Text, Bild, Audio und Video gleichzeitig verarbeiten können und auch zu Plattformen, die mehrere verschiedene KI-Modelle in einem Abonnement zusammenfassen. Die sind dann oft über Konnektoren mit den Platzhirschen wie ChatGPT, Gemini oder Claude verbunden und können direkt von dort genutzt werden.

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