Eigentlich wollte ich in Sevilla nur Station machen, um die unweit gelegene Ausgrabungsstätte Itálica und das Archäologische Museum in Sevilla zu besuchen. Doch das Museum wird gerade umfangreich restauriert und so musste ich umplanen. Was also tun in Sevilla, wenn man sich für das Erbe Roms interessiert? 

In verschiedenen Stadtvillen findet man Spuren der Antike und von Menschen, die sich auch dafür interessiert haben. Die Antike als humanistisches Bildungs- und Statusideal, die Antike als Sammelleidenschaft oder repräsentativer Schmuck. Und ein paar Überreste von Sevilla, als die Stadt einige Jahrhunderte römisch war und Hispalis hieß. Der Tag braucht Struktur und deshalb fahre ich nach dem Frühstück mit dem Bus zum Archäologischen Museum. Nicht so sehr, um zu prüfen, ob da auch wirklich gearbeitet wird, vielmehr weil ich von hier durch die Altstadt an allen Sehenswürdigkeiten vorbeikomme, die ich mir herausgesucht habe, und auch etwas vom modernen Sevilla sehe. Wer sich davon inspirieren lässt: Die hier gewählte Reihenfolge passt nicht optimal zum Rundgang, aber zu den kleinen Geschichten, über die ich schreiben wollte.

Das Archäologische Museum von Sevilla ist bereits seit Januar 2020 geschlossen und wird grundlegend saniert. Als Zeitfenster für eine mögliche Wiedereröffnung wird das Jahr 2029 genannt.
Casa de Pilatos – importierte Antike

Der Stadtpalast wurde seit dem späten 15. Jahrhundert errichtet und verbindet auf eine für Sevilla typische Weise Mudéjar-Tradition und italienische Renaissance. Für die römische Geschichte des Hauses ist vor allem Per Afán de Ribera, der erste Herzog von Alcalá, entscheidend. Er erbte den Palast und war seit 1559 der Vizekönig Philipps II. im spanisch beherrschten Königreich Neapel. Er besuchte Italien, begeisterte sich für die Antike und baute eine große Skulpturensammlung auf. Zu ihr gehören auch die beiden römischen Athenastatuen aus dem zweiten Jahrhundert, die er aus Italien nach Sevilla bringen ließ.

Die Pallas Belligera ist eine römische Arbeit und gehört zum Typus der sogenannten Athena Medici. So, wie sie heute dasteht, ist sie allerdings nicht vollständig antik. Helm, Arme, Speer, Schild und weitere Teile wurden ergänzt. Bereits im 16. Jahrhundert wollte man aus dem erhaltenen antiken Torso wieder eine vollständige, eindeutig erkennbare Athena machen. Ihr gegenüber steht die fast gleich große Pallas Pacifera. Auch sie ist eine römische Athena des Medici-Typs. Nur sieht sie heute deutlich anders aus. Im 16. Jahrhundert war auch sie durch einen monumentalen Helm, Arme und Schild ergänzt worden. Bei einer Restaurierung in den 1950er Jahren entfernte man diese neuzeitlichen Ergänzungen wieder. Übrig blieb ein wesentlich stärker fragmentarisch wirkendes antikes Original.

Die Rezeption der Antike ist immer auch ein Spiegel der Zeit, in der man sich mit ihr beschäftigt. Das trifft auch auf die 24 Büsten zu, die in kreisförmigen Wandnischen den Patio umgeben. Die Beschriftungen nennen beispielsweise Caligula, Marcus Aurelius, Hannibal, Quirinus, Cicero oder Scipio Africanus. Untersuchungen der Sammlung haben gezeigt, dass keiner der Büstenkörper antik ist. Sie wurden wahrscheinlich im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts angefertigt. In sie setzte man zum Teil tatsächlich antike Köpfe ein. Andere Stücke wurden ergänzt, überarbeitet oder aufgrund der Vorstellungen des 16. Jahrhunderts bestimmten historischen Personen zugeordnet.

So verbindet sich in der Casa de Pilatos heute die römische Antike mit nachfolgenden Epochen und künstlerischen Einflüssen bis zur Renaissance. Als die Stadtvilla ab 1483 entstand, lag die muslimische Herrschaft über Sevilla bereits mehr als zwei Jahrhunderte zurück. Islamische und christliche Einflüsse verschmolzen im Mudéjar-Stil zu den typischen Bögen, Azulejos und Stuckdekorationen, mit denen die Handwerker und Künstler das Gebäude ausschmückten.

Unterwegs in der Altstadt von Sevilla.
Unter den Setas – das römische Sevilla

Unter dem auffälligsten modernen Bauwerk und neuen Wahrzeichen von Sevilla, den Setas de Sevilla des Berliner Architekten Jürgen Mayer, liegt das antike Hispalis. Im sogenannten Antiquarium kann man es besichtigen. Die Ausgrabungen dokumentieren die lange Geschichte des antiken römischen Viertels. Die römischen Befunde reichen vom ersten bis in das sechste Jahrhundert.

Nach dem Zweiten Punischen Krieg geriet die Stadt um 206 v. Chr. unter römische Herrschaft und entwickelte sich als Hispalis zu einem wichtigen Hafen- und Handelszentrum Südspaniens. Unter Julius Cäsar erhielt sie den Rang einer römischen Kolonie: der Colonia Iulia Romula Hispalis. Vom Hafen aus wurden vor allem landwirtschaftliche Produkte der fruchtbaren Provinz Hispania Baetica über den Fluss Baetis, den heutigen Guadalquivir, in das gesamte Römische Reich verschifft.

Neues Wahrzeichen der Stadt: die Setas de Sevilla. Eine geschwungene Holz-Stahl-Konstruktion mit begehbarem Dach und Aussichtspunkt.

Einer der ältesten Befunde sind mehrere tiefe gemauerte Becken einer römischen Fischverarbeitungsanlage. Die factoría de salazones entstand bereits in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Damals wurde das Stadtgebiet von Hispalis nach Norden erweitert. Die Anlage lag wesentlich näher am damaligen Fluss- und Hafengebiet, als es die heutige Topografie vermuten lässt. In den Becken fanden Archäologen vor allem Reste von Meeräschen und Sardinen. Durch das Einsalzen wurde der leicht verderbliche Fang zu einem lager- und transportfähigen Lebensmittel; daneben entstanden die für die römische Küche typischen Fischsaucen. Amphorenfunde zeigen, dass solche Produkte über den Guadalquivir bis nach Itálica, Carmona, Écija und Córdoba gelangten. Die Baetica exportierte Fischkonserven und Fischsaucen darüber hinaus bis nach Italien, Gallien, Germanien und Britannien. Ob sich jedoch einzelne Fernexporte unmittelbar der Fischsalzerei von Hispalis zuweisen lassen, ist bislang nicht nachgewiesen.

Einige Jahrhunderte später hatte sich die Nutzung des Viertels vollständig verändert. Die sogenannte Casa de las Columnas zeigt die Reste eines großen spätantiken Wohnhauses des fünften Jahrhunderts. Im Zentrum lag ein repräsentativer Säulenhof mit Mosaikböden. Teile älterer Architektur wurden dabei wiederverwendet. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Casa de las Basas aus der gleichen Zeit, vielleicht etwas später. Auch hier wurden ältere Säulenbasen erneut eingesetzt. Städte verändern sich permanent. Häuser werden umgebaut, Grundstücke zusammengelegt, Mauern wiederverwendet und alte Fußböden überbaut.

Unterwegs in der Altstadt von Sevilla.
Palacio de Lebrija – gestaltet aus Leidenschaft zur Antike

Wieder ganz anders begegnet einem die Antike im Lebrija-Palast. Hinter dem heutigen Palacio de Lebrija stand eine bemerkenswerte Frau. Regla Manjón Mergelina entstammte einer wohlhabenden andalusischen Familie von Politikern und Weinunternehmern, malte, schrieb Gedichte und interessierte sich wohl schon als junge Frau für die Antike.

Nachdem ihr Mann früh verstarb, kaufte sie 1901 den Palast und ließ ihn anschließend dreizehn Jahre lang nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre besondere Leidenschaft galt dem nahen Itálica. Sie kaufte dort Grundstücke und Fundstücke, finanzierte Grabungen und ließ römische Mosaiken, Säulen, Inschriften und Skulpturen in ihren Palast integrieren. Aus heutiger Sicht ist diese Praxis ambivalent: Sie bewahrte zahlreiche Stücke vor Verlust und Zerstörung, entzog sie aber zugleich ihrem archäologischen Zusammenhang und verstieß zuletzt auch gegen das spanische Ausgrabungsgesetz.

Besonders deutlich wird das beim Mosaik der Liebschaften des Zeus, das heute den Hauptpatio ihres Palastes beherrscht. Es wurde 1914 in Itálica entdeckt und stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Regla Manjón erwarb es zusammen mit zwei weiteren Mosaiken, obwohl mittlerweile die neuen Schutzvorschriften galten. Man fand offenbar eine pragmatische Einigung: Zwei Mosaike musste Regla Manjón zurückgeben, das andere durfte sie behalten.

Im Zentrum des großen Mosaiks sitzt eine männliche Gestalt mit einer Panflöte. Über ihre Identität wurde lange diskutiert. Pan, Argos, Apoll und Polyphem wurden vorgeschlagen. Heute wird die Figur überwiegend als Kyklop Polyphem interpretiert. Entscheidend ist unter anderem das angedeutete zusätzliche Auge auf seiner Stirn. Gemeint ist jedoch nicht der bekannte menschenfressende Gegner des Odysseus. Gemeint ist Polyphem als unglücklich verliebter Verehrer der Nymphe Galatea. Um das zentrale Bild Polyphems gruppieren sich acht Medaillons. Sieben lassen sich mit den Liebschaften und Verwandlungen des Zeus verbinden, ein weiteres zeigt eine Flussgottheit. In den Ecken erscheinen zusätzlich die vier Jahreszeiten.

Casa de Salinas – die Antike schmückt ein Zuhause

Anders als im Palacio de Lebrija ist die Antike in der Casa de Salinas nicht das bestimmende Thema des Hauses. Das Besondere ist zunächst der Palast selbst: eine außergewöhnlich gut erhaltene sevillanische Residenz des 16. Jahrhunderts, die bis heute von ihren Eigentümern bewohnt wird. 

Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam die römische Antike hinzu. Der damalige Besitzer Eduardo Ybarra ließ das Gebäude nach dem historistischen Geschmack seiner Zeit restaurieren und brachte einige kleine Objekte und ein großes Mosaik aus dem nahen Itálica in den Gartenhof. Das Werk aus dem zweiten Jahrhundert führt mitten in die Welt des Weingottes Dionysos: Mänaden tanzen, Kentauren musizieren, Silen reitet auf seinem Esel und Trauben werden zu Wein verarbeitet. Anders als Regla Manjón, die in ihrer Stadtvilla eine regelrechte archäologische Sammlung aufbaute, nutzte Ybarra die Antike vor allem als Teil der repräsentativen Ausstattung seines historischen Wohnhauses. Seine Nachfahren tun das heute noch. Auch wenn das Mosaik einige Jahrhunderte unter den Ruinen von Itálica verschüttet war, ist doch seine Nutzung ziemlich nachhaltig. 

Sonnensegel auf der Brücke über den Schifffahrtskanal Canal de Alfonso XIII. Im Hintergrund der Torre Sevilla.

Am Ende des Tages hat mein Rundgang durch Sevilla doch beispielhaft in Erinnerung gerufen, dass das Erbe Roms nicht nur aus dem besteht, was die Römer hinterlassen haben. Es besteht auch daraus, was spätere Generationen darin sehen wollten, was sie bewahrten, ergänzten, versetzten und neu inszenierten.

Ausblick vom Hotelzimmer im Torre Sevilla zwischen Kanal und Fluss.

Da ich dieses Jahr in Spanien mit dem Mietwagen unterwegs war, habe ich Hotels am Stadtrand ausgewählt. Das ist praktischer mit dem Parken und auch zeitsparender, als wenn man sich erst durch den Berufsverkehr morgens oder abends durch die Stadt quälen muss. Das Hotel im Torre Sevilla punktet zudem mit einem schönen Ausblick. Zur Altstadt hin wäre er noch schöner gewesen. Nächstes Mal.

Antiquarium – Webseite und Eintrag auf Google Maps.
Casa de Pilatos – Webseite und Eintrag auf Google Maps.
Palacio de la Condesa de Lebrija – Webseite und Eintrag auf Google Maps.
Casa de Salinas – Webseite und Eintrag auf Google Maps.
Museo Arqueológico de Sevilla – Webseite und Eintrag auf Google Maps.

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